Revierderby Nummer 120 beschert trotz trostlosen Unentschiedens interessante Erkenntnisse und einen Verlierer
Der Bauer und die Badehose

BVB-Trainer Matthias Sammer hatte nach dem 1:1 gegen Schalke vor allem zwei Themen auf der Agenda: den holprigen Rasen und das empfindliche Schiedsrichtergespann.

DORTMUND. Der Rasen war?s. Kriegt zu wenig Licht, ist holprig, widerspenstig, kratzbürstig. Einfach schrecklich. Matthias Sammer hasst das Grün im Dortmunder Westfalenstadion. Und er liebt es. Weil der Untergrund momentan so wunderbar als Ablenkungsmanöver von den wahren Problemen taugt. "Das ist ein Kartoffelacker, auf dem wir da spielen müssen", schimpfte der Trainer von Borussia Dortmund nach dem 1:1 (0:0) gegen Schalke 04. "Wir müssen uns darüber Gedanken machen, zur Not spielen wir demnächst in der Roten Erde."

Das altehrwürdige Stadion, direkt neben der großen Bundesliga-Arena gelegen, dürfte nicht wirklich eine Alternative für den BVB sein. Gleichwohl fand dort kürzlich eine Partie zwischen einer Dortmunder Traditionself und einer Journalistenauswahl statt. Altmeister Marcel Raducanu spielte den Medienvertretern reihenweise Knoten in die Beine, und niemand meckerte über den Rasen.

Anders am Samstag. Da gab es nach dem Unentschieden im 120. Revierderby paradoxerweise doch einen Verlierer: den Platzwart. Die Generalabrechnung des Herrn Sammer mit dessen Halmpflege war bis zu einem gewissen Grad zwar nachvollziehbar, letztlich aber reichlich unprofessionell. Der Rasen ist schließlich nicht erst seit dem Wochenende in einem mäßigen Zustand. Nach dem Sieg gegen Stuttgart drei Wochen zuvor aber war das Thema noch keines. Jetzt konnte der Bauer nicht mehr schwimmen, und schon lag es an der Badehose.

Sicherheitshalber eröffnete Sammer schließlich einen weiteren Nebenschauplatz, damit die aktuellen Defizite des Meisters in allen Mannschaftsteilen nicht zu sehr in den Mittelpunkt gerückt wurden. Das Schiedsrichtergespann verwies ihn von seiner Trainerbank, weil er die so genannte Coaching-Zone verlassen hatte. "Ein Witz, aber ich zahle natürlich jede Geldstrafe. Fest steht, dass das keine gute Zusammenarbeit ist", kommentierte der Europameister von 1996 den Disput.

Sammer, der mal in einem Buch mit dem Titel "Der Feuerkopf" porträtiert wurde, war mächtig geladen. Auf die Frage, warum er Nationalspieler Torsten Frings nicht für die Anfangsformation nominiert hatte, antwortet der Trainer: "Wegen der begrenzten Anzahl von Spielern, die ich einsetzen kann." Ob die Situation dramatisch sei, weil der FC Bayern in der Tabelle bereits munter davoneilt? "Dramatisch war das Hochwasser in Dresden", entgegnete der Trainer, dem irgendwann doch noch der verbale Rückzieher gelang. "Ich weiß, das war eben etwas pampig", erkannte Sammer.

Dem Perfektionisten behagt es ganz und gar nicht, sich tabellarisch in einer Gesellschaft mit den punktgleichen Durchschnitts-Klubs 1860 München, VfL Wolfsburg und Arminia Bielefeld zu befinden. Die Ansprüche sind andere, schon morgen heißt der erste Gegner in der Champions League Arsenal London. Dort dürfte es eng werden, wenn der BVB erneut derart konfus agiert wie phasenweise gegen Schalke. Spieler wie Koller und Evanilson wirkten desorientiert, und so verwunderte es nicht, dass der größte Jubel zunächst per Stadiondurchsage ausgelöst wurde. Weil ein Schalke-Fan mit Feuerwerkskörpern angetroffen wurde, so hieß es während der ersten Halbzeit, "befindet er sich jetzt in Polizeigewahrsam und langweilt sich".

Das gefiel den Borussen-Anhängern. Ansonsten war Tristesse angesagt, die nur durch Nickeligkeiten durchbrochen wurde. Und durch Madounis und Metzelders vereinte Patzer vor dem 0:1 durch Agali (70.), dessen Treffer aber prompt durch Ewerthons Kopfballtreffer egalisiert wurde. Das war?s quasi schon an Höhepunkten während 90 schaler Minuten. Was fehlte, war eigentlich nur noch eine wirklich tragende Erkenntnis. Dieses Aperçu lieferte schließlich Dortmunds Torhüter Jens Lehmann: "Der Fußball-Gott ist im Moment nicht auf unserer Seite."

So zog es keinen Dortmunder, die zum achten Mal in Folge gegen den Rivalen aus Gelsenkirchen nicht gewinnen konnten, zum Beichtstuhl. Wenn überhaupt einer etwas Einsicht zeigte, dann Sportmanager Michael Zorc. Der bemerkte zur seltsamen Rasendiskussion: "Ich warne davor, dies als Alibi vorzuschieben."

Oh Gott, wenn Sammer das mitbekommen hätte. Mit Blick auf dessen arg gereizten Gemütszustand war es wohl auch ganz gut, dass eine Frage nicht gestellt wurde. Als ein Pressevertreter nämlich von den beiden Treffern des Ex-Borussen Fredi Bobic für Hannover 96 gegen Leverkusen gehört hatte, meinte er: "Lasst uns Sammer doch mal fragen, wie er einen solchen Stürmer gehen lassen konnte." Spätestens damit wäre der Feuerkopf entflammt worden.

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