Revolutionäre Anwendungen möglich
Programmierbarer Draht

Ein Kunststoff mit Formgedächtnis von Mnemoscience stößt das Tor zu revolutionären Anwendungen auf.

Ein Kunststoff, der wie von Geisterhand eine zweite Form annimmt und sich, wenn nicht mehr gebraucht, in Nichts auflöst das versetzte selbst die Fachwelt ins Staunen. Als Andreas Lendlein Ende Januar vergangenen Jahres in Amerikas renommiertestem Wissenschaftsblatt PNAS, herausgegeben von der Nationalen Akademie der Wissenschaften, seine Erfindung vorstellte, war das Aufsehen groß. Seither steht bei Lendlein, Gründer der Aachener Mnemoscience GmbH, das Telefon nicht mehr still. Unternehmen aus nahezu allen Branchen wollen mit dem Forscher ins Geschäft kommen, zu verlockend sind die Möglichkeiten, die das revolutionäre Material bietet. Lendlein euphorisch: Die Resonanz ist unglaublich.

Kotflügel, die sich selbst ausbeulen, Verpackungsfolien, die sich von allein falten, Schalter, die einzig durch einen winzigen Energieimpuls auf An oder Aus gestellt werden das ist nur eine kleine Auswahl. Unmöglich für die Aachener Gründer, alles zugleich anzupacken. Zunächst konzentrieren sie sich auf medizinische Anwendungen. Da können wir nicht nur unser Material verkaufen, sondern komplette Produkte , begründet Lendlein die Entscheidung.

Löcher im Körpergewebe

Weit fortgeschritten ist die Entwicklung eines gut verträglichen Implantats, das die Löcher im Körpergewebe füllt, die etwa nach der Entfernung eines Tumors zurückbleiben. Komprimiert zu einer Art Tablette, lässt es sich über einen kleinen Schnitt per Endoskop einführen. Aktiviert durch UV-Strahlung oder die Körperwärme quillt es zu einer Art porösem Schwamm auf, der den Hohlraum millimetergenau ausfüllt. Ist genügend körpereigenes Gewebe nachgewachsen, löst sich das Implantat vollständig auf. Das erspart den Patienten eine zweite Operation , erläutert Lendlein.

Auch ein anderes Problem der Ärzte könnte das Wundermaterial lösen. Bei Herzuntersuchungen passiert es immer wieder, dass der Katheder, mit dem eine kleine Kamera in das Pumporgan geführt wird, die Gefäßwände verletzt. Mit dem Polymer der Aachner ließe sich der Draht so programmieren, dass er sich den vorher vermessenen Windungen der Arterien haargenau anpasst. Das würde das Risiko von Verletzungen enorm mindern , betont Lendlein.

Kunststoff mit Gedächtnis

Seine sensationellen Fähigkeiten verdankt der Kunststoff einer besonderen Eigenschaft: Er verfügt über eine Art Gedächtnis, mit dem er sich seine ursprüngliche Gestalt merken kann. Sie wird ihm gewissermaßen eingeprägt. Ausgelöst durch einen Energieimpuls etwa Licht, Ultraschall oder Wärme erinnert sich das Material daran und verwandelt sich entsprechend. Das kann ganz allmählich geschehen.

Metallische Legierungen mit Formgedächtnis sind schon länger auf dem Markt. Lendlein hat das erste Polymer mit dieser Eigenschaft kreiert. Der Vorteil des Kunststoffs: Er ist leichter, weit preiswerter herzustellen und verträgt wesentlich gröbere Deformationen.

Forschungsaufenthalt

Entdeckt hat der Gründer ihn während eines Forschungsaufenthalts am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Auf die Idee, sich mit dem intelligenten Material selbstständig zu machen, brachte ihn Robert Langer, ein bekannter MIT-Professor, der schon an vielen Firmengründungen beteiligt war. Die Erfindung hat ein enormes Marktpotenzial , machte er Lendlein Mut. Der Gründer schätzt es auf drei bis fünf Milliarden Euro. Erstmals stimmte die Wissenschaftsschmiede sogar zu, die Vermarktung eines Patents ins Ausland zu geben. Lendlein: Die in Deutschland besseren Gründungsbedingungen für unser Projekt haben die MIT-Führung überzeugt.

Finanziers für die aussichtsreiche Entdeckung fanden sich schnell. 1999 ging Lendlein an den Start. Aus der Flut an Interessenten für die Innovation hat er sich drei strategische Partner ausgesucht. Mit ihrer Hilfe will er rasch Zugang zu den Märkten finden. Zwei Partner kommen aus dem Medizinbereich, der dritte ein Konzern mit Milliardenumsatz aus der Industrie. Namen darf Lendlein nicht nennen. Die haben um absolute Vertraulichkeit gebeten.

Hochqualifizierte Leute

Ziel der Kooperationen ist es, rasch Geld für die Finanzierung des angestrebten schnellen Wachstums zu verdienen. Für dieses Jahr streben die Aachener einen Umsatz von 1,5 Millionen Euro an; im nächsten Jahr wollen sie ihn mindestens verdoppeln. Die Zahl der Mitarbeiter wird bis zum Jahresende von 22 auf 30 steigen. Alles extrem hochqualifizierte Leute, so Lendlein.

Mit der gleichen Energie wie die Gründung treibt der 33-Jährige seine Forscherkarriere voran. Seit 1998 leitet er die Abteilung Entwicklung und Engineering neuer Biomaterialien am Deutschen Wollforschungsinstitut in Aachen. Zugleich hat er sich habilitiert. In Kürze wird er eine Professur an der Universität Potsdam antreten. Lässt sich das alles unter einen Hut bringen? Lendlein setzt sein charmantes Lächeln auf: Alles eine Frage der Leidenschaft.

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