Rezession wahrscheinlich
Greenspan senkt die Leitzinsen

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat am Dienstag die Leitzinsen in den USA wie erwartet erneut um 50 Basispunkte gesenkt und dies mit den erhöhten Konjunkturrisiken nach den Anschlägen vom 11. September begründet.

rtr/dpa WASHINGTON. Nach dem neunten Zinsschritt in diesem Jahr ist der Zielsatz für Tagesgeld mit 2,50 % damit so niedrig wie zuletzt im Mai 1962 und insgesamt vier Prozentpunkte niedriger als zu Jahresbeginn. Die Anschläge hätten die Unsicherheit für die geschwächte Wirtschaft "deutlich erhöht", teilte die Fed mit. Die US-Notenbank sei offenbar sehr besorgt über die Lage der Wirtschaft und habe damit ihre Bereitschaft zu weiteren Zinssenkungen verdeutlicht, sagten Analysten. US-Aktien reagierten mit Verlusten, der Euro legte etwas zu.

An den Finanzmärkten war ein weiterer Schritt um 50 Basispunkte erwartet worden. Den von den Märkten weniger beachteten Diskontsatz senkte die Notenbank ebenfalls um einen halben Prozentpunkt auf 2,0 %. Nach Einschätzung von Analysten spricht die Erklärung der Fed dafür, dass die Notenbank sehr besorgt ist über die derzeitige und künftige Wirtschaftsentwicklung. "Das ganze Jahr über haben sie die Risiken für die Wirtschaft betont. Jetzt deuten sie an, dass diese Risiken durch die Anschläge verstärkt wurden und wie das die Geschäfts- und Verbraucherpsychologie beeinflusst hat. 2,5 % muss nicht unbedingt das Ende von diesem Zinssenkungszyklus sein", sagte Bill Sullivan, Geldmarktanalyst von Morgan Stanley. Die Ausgaben von Unternehmen und Haushalten seien durch die herrschende Unsicherheit weiter gedämpft worden, erklärte die Fed. Langfristig seien die Aussichten für die Produktivität und die Wirtschaft in den USA aber günstig.

Der Chef-Volkswirt von HSBC Securities, Ian Morris, sah sich in seiner Prognose bestätigt, dass das Bruttoinlandsprodukt in den USA im dritten und vierten Quartal sinken könnte und damit de facto Rezession herrscht. "Das bedeutet, dass ein Leitzins von zwei Prozent noch möglich ist", sagte er.

Die US-Wirtschaft befand sich bereits vor den Terroranschlägen am Rande einer Rezession. Trotz der energischen Geldmarktlockerung von Fed-Chef Alan Greenspan seit Anfang des Jahres wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 2. Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 0,3 Prozent und damit so langsam wie seit acht Jahren nicht mehr. Seitdem schrumpft die Wirtschaft nach Einschätzung der meisten Ökonomen. Hubbard, Wirtschaftsberater von Präsident George W. Bush, sagte vor dem Senat, der Schock der Anschläge habe die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirtschaft sich in einer Rezession befindet, bedeutend erhöht. Die Research-Abteilung der Deutschen Bank stellte in ihrer jüngsten Analyse fest: «Die US-Wirtschaft befindet sich nun in einer Rezession.»

Die Zinssenkung soll Unternehmer zu Investitionen reizen und das Vertrauen der Verbraucher in die Wirtschaft wiederherstellen. Deren Zuversicht war im September massiv eingebrochen. Der Index des Verbrauchervertrauens sank auf das niedrigste Niveau seit mehr als fünfeinhalb Jahren. Dies ist ein wichtiger Wirtschaftsindikator, weil die Verbraucher mit ihren Ausgaben Zweidrittel der US-Wirtschaft tragen. Ende der Woche werden die neuen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht. Nach der Ankündigung von mehr als 100 000 Entlassungen vor allem in der Luftfahrtindustrie rechnen Analysten mit einem Sprung der Arbeitslosenquote von 4,9 auf über 5 Prozent.

Die Fed hatte zuletzt am 17. September - dem ersten Handelstag der US-Börsen nach den Anschlägen in New York und Washington - die Zinsen um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Auch andere führende Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England waren diesem Schritt gefolgt, um das Vertrauen von Wirtschaft und Finanzmärkten zu stärken. Nach Einschätzung von Analysten wird die EZB der Fed diesmal aber nicht unmittelbar folgen. EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte zuletzt den Zinsschritt vom 17. September mit der nach den Anschlägen herrschenden Ausnahmesituation erklärt. "Wir wollten bewusst ein Zeichen setzen. Dies ist und war ein Ausnahmefall und nicht der Beginn einer Abkehr von unserer Strategie", hatte Issing in einem Zeitungsinterview gesagt.

An den US-Aktienmärkten, die sich bisher kaum von den starken Kursverlusten nach den Anschlägen erholen konnten, gaben die Standardwerte ihre Kursgewinne nach der Zinssenkung ab und drehten ins Minus. US-Treasuries bauten ihre früheren Kursgewinne nach der Entscheidung aus. Der Euro notierte gegen 21.00 Uhr MESZ bei 0,9190/92 Dollar nach 0,9163/67 vor der Zinsentscheidung.

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