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Richard Parsons: Vermittler in schwieriger Mission

Der kommende Chef des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner ist einer der wenigen Schwarzen an der Spitze von US-Großunternehmen.

Als Richard Parsons einmal nach seinem Verhältnis zu Robert Pittman gefragt wurde, antwortete er: "Es ist wie in Kindheitstagen mit meiner großen Schwester: Sie hat immer den besseren Nachtisch ergattert." Zu seiner eigenen und zur Überraschung vieler hat Parsons diesmal die Nase vorn - und das nicht beim Dessert, sondern beim Hauptgang. Er wird im Mai kommenden Jahres Nachfolger von Gerald Levin und damit Chef des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner. Sein Kollege Pittman bleibt, was er ist: Chief Operating Officer.

Die Wahl von Parsons kommt auch deshalb unerwartet, weil mit ihm wieder ein Manager von Time Warner an die Spitze des Medienkonzerns rückt. Viele Analysten an der Wall Street hatten damit gerechnet, dass AOL, also Pittman, zwei Jahre nach dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen das Ruder übernehmen würde. Schließlich war der Onlinedienst dank des damaligen Internetbooms der stärkere Partner. Doch nachdem die High-Tech- Blase geplatzt war und AOL kleinere Brötchen backen musste, hat sich offenbar das Kräfteverhältnis innerhalb des Konzerns verschoben. Zwar bleibt AOL-Gründer Steve Case Chairman des Unternehmens. Er hat sich aber bisher weitgehend aus dem operativen Geschäft herausgehalten.

Dass jetzt Parsons an die Spitze gewählt wurde, spricht Bände über den Zustand der einst als Geniestreich gefeierten Fusion. Es knirscht im Getriebe von AOL Time Warner. Schuld daran ist nicht nur das flaue Internetgeschäft. Der stärkste Werbeeinbruch seit dem Krieg hat den Konzern voll erwischt und alle Ertragsziele über den Haufen geworfen. Hinzu kommt ein Kampf der Kulturen. Hier die aggressiven, unkonventionellen AOL-Manager vom Schlage des Kostenkillers Pittman, dort die mächtigen Fürsten des Time-Warner-Imperiums, die noch immer nicht die Übernahme durch eine Internetbude verkraftet haben.

Vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg von Parsons nicht mehr so verwunderlich. Der kommende AOL - Time-Warner-Chef wird für sein diplomatisches Geschick gerühmt. "Er ist jemand, der mit allen reden und Probleme lösen kann", sagt William Kennard, ehemaliger Chef der US-Wettbewerbsbehörde FCC.

Parsons selbst hat seine Rolle im Konzern einmal so beschrieben: "Es wird immer jemand gebraucht, der nach der Elefanten-Parade aufräumt." Die undankbare, aber wichtige Aufgabe hat Parsons für seinen Mentor Levin schon zweimal erledigt: 1990 schlichtete der den Streit, als sich Time und Warner nicht über ihren Zusammenschluss einigen konnten; 1996 rettete er die Übernahme des Turner-Imperiums durch Time Warner.

Parsons hat nicht nur Qualitäten als Aufräumer. Die Mitarbeiter mögen ihn auch noch. Was man übrigens von Pittman so nicht sagen kann. Parsons ist das, was man gemeinhin einen lieben Kerl nennt. Fay Vincent, Mitglied des AOL-Timer-Warner-Verwaltungsrates, beschreibt den fast zwei Meter großen, bärtigen Schwarzen auf Grund seines freundlichen, fast herzlichen Umgangs gar als einen "Teddybären".

Seinen Schwiegervater konnte der gebürtige New Yorker zunächst jedoch nicht für sich einnehmen. Der war so verärgert über die Partnerwahl seiner Tochter Laura, dass er gar nicht erst zur Hochzeit erschien. Nach seinem Jurastudium begann Parsons seine Karriere Anfang der siebziger Jahre beim damaligen New Yorker Gouverneur Nelson A. Rockefeller. Seit dieser Zeit gehört er zum einflussreichen "Old-Boys-Network", das mit dem Namen Rockefeller verbunden ist. Als der Gouverneur 1974 zum Vizepräsidenten von Gerald Ford ernannt wurde, nahm er Parsons mit nach Washington.

Seine exzellenten Kontakte in die Politik pflegt der Republikaner bis heute. Zeitweise war er für einen Posten in der Regierung von Präsident Bush im Gespräch. Der machte ihn kürzlich zum Co-Chairman einer Kommission, die Vorschläge für eine Reform der Altersvorsorge erarbeitet.

Die Verbindungen nach Washington kann Parsons gut gebrauchen, wenn AOL Time Warner den Zuschlag für die Breitbandsparte des Telekomkonzerns AT&T bekommen und zum größten US-Kabelanbieter aufsteigen sollte. Der "Teddybär" an der Konzernspitze muss dann seine gesamten Überredungskünste aufbieten, um Politiker und Kartellwächter zu besänftigen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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