Richtfunkanbieter vor grundsätzlichen Schwierigkeiten
Telekombranche vor Pleitewelle

Mit den Insolvenzen von Teldafax, Callino und Star Telecom beginnt eine rasante Konsolidierung der neuen Telefongesellschaften. Experten erwarten, dass sich die Reihen auf dem Markt in den kommenden 18 Monaten radikal lichten werden.

BERLIN. Die Lage ist nicht nur ernst, sondern dramatisch. "Noch nie habe ich eine Branche gesehen, die aus einer Boomphase so schnell in eine Konsolidierung hinein läuft wie die deutsche Telekommunikationsbranche", sagt Horst Enzelmüller, Chef der Colt Telecom GmbH, Frankfurt/M. Colt zählt zu den wenigen Telekomfirmen, deren Überleben als sicher gilt. Nach den Insolvenzen von Teldafax, Callino und Star Telecom rechnet Enzelmüller, einer der erfahrensten Telekom-Manager in Deutschland, jetzt mit einem Dominoeffekt unter den Startups.

"Viele Unternehmen sind zu klein zum Überleben", hat Jürgen Grützner vom Unternehmerverband VATM festgestellt. Außerdem hätten sich Investoren seit dem Börsencrash zurückgezogen. "Es kann jetzt manches Unternehmen erwischen, das eigentlich einen guten Geschäftsplan verfolgt", fürchtet Bernd Jäger, Gesellschafter der TMI Ventures AG, die in Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie investiert. Nach der Euphorie des vergangenen Jahres sind Geldgeber übervorsichtig, wenn ein Telekomunternehmen um Kapital nachsucht. Die Geldnot der Branche haben nach den Erfahrungen des zur Investmentbank CSFB gewechselten früheren Telekom-Regulierers Klaus-Dieter Scheurle die meisten Banker noch überhaupt nicht erkannt.

Bis zum Sommer 2000 hatten dieselben Investoren allerdings auch solche Unternehmen mit Geld überhäuft, deren Geschäftspläne völlig unrealistisch waren. Jäger zählt dazu Telefongesellschaften, die ausschließlich Call-by-Call-Gespräche anbieten. Mögliche Schieflagen erwartet er auch bei Unternehmen, die Ortsnetzverbindungen per Richtfunk oder auf der gemieteten "letzten Meile" der Deutsche Telekom AG anbieten.

Jäger ist überzeugt, dass 80 % der deutschen Telekomunternehmen in den nächsten 18 Monaten vom Markt verschwinden werden: 20 % gehen Pleite, die anderen fusionieren.

Diese Fusionen werden nicht wie bisher beschleunigtes Wachstum zum Ziel haben. Wie in der Old Economy werden die Starken die Schwachen schlucken. Synergien werden zumeist durch den Abbau von Arbeitsplätzen erreicht. Schon bald wird es eine vierstellige Zahl von Arbeitslosen aus dem Bereich der Telekommunikation geben, heißt es in Branchenkreisen. Dabei ist es erst neun Monate her, dass sich die Unternehmen gegenseitig die Fachleute abwarben.

Wen es wann erwischt, mag niemand offen sagen. Ein Kandidat, GTS, sucht seine Rettung in der Neuausrichtung. Vom Handelsblatt befragt, welche Unternehmen denn in drei Jahren noch vorhanden sein werden, nennen Telekommunikations-Manager die immer gleichen vier: Colt, Worldcom, die in BT Cellnet umbenannte Festnetztochter der Viag Interkom und Arcor. Die ersten Drei haben sich auf Geschäftskunden fokussiert und werden in diesem Jahr mehr als 1 Mrd. DM umsetzen, Arcor führt mit 3,2 Mrd. DM Umsatz im Jahr 2000 das Feld der 711 bei der Regulierungsbehörde registrierten neuen Anbieter an.

Allerdings kann sich auch die deutsche Worldcom-Tochter dem Wachstumseinbruch in den USA nicht ganz entziehen. Der weitere Netzausbau wurde nach Angaben einer Unternehmenssprecherin vorläufig gestoppt. Im Zuge der Zusammenlegung von Worldcom und ihrer Internet-Tochter Uunet werde es auch Entlassungen geben.

Die Richtfunkanbieter, zu denen auch Callino zählte, sieht Jan Rittaler, Chef der Arcor-Beteiligung Arctel GmbH & Co., vor grundsätzlichen Schwierigkeiten. Startups wie Firstmark, Star-21 oder Broadnet müssten gleichzeitig die Funkstationen aufbauen, diese vernetzen, Produkte entwickeln und einen Vertrieb organisieren.

Nach Brancheneinschätzung ist Callino allerdings nicht am Richtfunk gescheitert, sondern daran, dass das Unternehmen gleichzeitig Call-by-Call und andere Billigprodukte angeboten hat. Teldafax wiederum hat es nicht geschafft, sich den Veränderungen anzupassen. Den Niedergang beschleunigt hat die ebenfalls von Insolvenz bedrohte US-Mutter World Access, die ihre europäischen Beteiligungen Star Telecom und Netnet ebenfalls ruinierte.

Der Konsolidierung des Marktes gewinnt Jäger allerdings auch gute Seiten ab: "Wer das große Aussieben übersteht, hat wirklich überzeugende Geschäftspläne." Colt-Chef Enzelmüller sieht sein Unternehmen neben Worldcom als Gewinner der Pleitewelle. Teldafax-Kunden hätten bereits um Verträge nachgesucht. Der einzige Wermutstropfen: Die meisten enttäuschten Kunden insolventer Firmen dürften reflexartig zur Telekom zurückkehren, befürchtet Enzelmüller. Der Ex-Monopolist wird so zum eigentliche Gewinner der Konsolidierung.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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