Rieckes Rückfrage
Amerika im Koffer

Die spannendste Finanzgeschichte der vergangenen Tage spielte nicht etwa an der Wall Street, sondern auf einem kleinen Grenzbahnhof im italienischen Chiasso. Dort stellten zwei Zollbeamte die unglaubliche Summe von 134 Mrd. Dollar sicher. Nicht in bar, sondern in Form von amerikanischen Staatsanleihen.

Der Vorfall in Chiasso ereignete sich bereits am 10. Juni, wurde jedoch von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Versteckt waren die Staatsanleihen in dem doppelten Boden eines Reisekoffers, den zwei Japaner mit in die Schweiz nehmen wollten. Seitdem rätselt die Finanzwelt, ob die Papiere echt sind und woher sie wohl kommen.

Während die Italiener klammheimlich darauf hoffen, dass sich der Fund als echt herausstellt, wäre das für die US-Regierung ein peinliches Debakel. Sind die Bonds authentisch, könnte der italienische Zoll 40 Prozent der Summe einbehalten und damit den desolaten Staatshaushalt sanieren. In diesem Fall müssten sich die Amerikaner fragen lassen, warum zwei Unbekannte einen großen Teil des US-Schuldenbergs in einem Koffer mit sich herumtragen. Immerhin wären die beiden Japaner damit die viertgrößten Gläubiger Amerikas und könnten sich mit der Summe die Wirtschaft Neuseelands kaufen.

Die Frage, woher die Bonds stammen, ist mit Abstand die interessanteste. Gib es doch seit einiger Zeit Spekulationen an den Finanzmärkten, dass vor allem den asiatischen Gläubigern die Schuldenmacherei der Amerikaner nicht mehr geheuer ist. Groß ist deshalb die Furcht, China oder Japan könnten die ungeliebten Schuldtitel heimlich auf den Markt werfen. Warum sie das allerdings auf dem Umweg über die Schweiz machen sollten, bleibt rätselhaft. Ist doch die Verschwiegenheit der Banker dort auch nicht das, was sie einmal war.

Lässt man der Fantasie freien Lauf, könnte auch der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il versucht haben, sein Vermögen in Sicherheit zu bringen. Dass er dabei Zuflucht in der Schweiz sucht, ist gar nicht so überraschend. Sein jüngster Sohn und designierter Nachfolger Kim Jong-Un ist angeblich auf eine Schweizer Schule gegangen. Auch dafür gibt es keine Belege, aber es würde gut in die Räuberpistole passen. Oder handelte es sich doch um eine geschickte Fälschung, mit der böswillige Scharlatane das ohnehin wacklige Weltfinanzsystem destabilisieren wollten?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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