Rieckes Rückfrage
Bootsfahrt aus der Krise

Es gibt beim alljährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington eine alte Tradition der Commerzbank. Die Frankfurter laden die deutschen Gipfelstürmer mitsamt ihren Sherpas zu einer mehrstündigen Bootsfahrt auf den Potomac River ein. Bei Bier und Buffet werden dann all die Dinge besprochen, die in keinem Gipfelprotokoll stehen.

Es gibt beim alljährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington eine alte Tradition der Commerzbank. Die Frankfurter laden die deutschen Gipfelstürmer mitsamt ihren Sherpas zu einer mehrstündigen Bootsfahrt auf den Potomac River ein. In Alexandria, einem Vorort der amerikanischen Hauptstadt, wartet der alte Raddampfer "Cherry Blossom" auf die illustren Gäste. Kleidung und Atmosphäre sind "casual".

Bei Bier und Buffet werden dann all die Dinge besprochen, die in keinem Gipfelprotokoll stehen. Für den hemdsärmeligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist das wie ein Heimspiel. Aber auch Bundesbank-Chef Axel Weber lockert bei der Flussfahrt schon mal seine Krawatte, um seiner Meinung Luft zu machen.

Angesichts der sich immer weiter ausbreitenden Finanzkrise sollte man die gemeinsame Bootsfahrt zum Pflichtprogramm für die Krisenmanager aus aller Welt machen. Vielleicht würde das einigen die Scheuklappen öffnen, und sie würden feststellen, dass wir in der Krise tatsächlich alle in einem Boot sitzen. So könnte US-Finanzminister Hank Paulson seinen deutschen Amtskollegen Steinbrück fragen, warum er das Ende der finanziellen Vorherrschaft Amerikas ausruft, während unter seinen Füßen gerade die europäische Bankenlandschaft bebt.

Und die Französin Christine Lagarde könnte sich bei ihrem britischen Kollegen Alistair Darling erkundigen, warum sich Großbritannien erst gegen einen europäischen Rettungsfonds sperrt und dann für die eigenen Banken einen Kapitaltopf bereitstellt. Selbst EZB-Präsident Jean-Claude Trichet könnte aus seiner Haut als Notenbanker fahren und dem kopflosen Krisenmanagement in Europa ein Ende bereiten.

Die frische Herbstluft würde die Finanzelite vielleicht sogar dazu inspirieren, über den nächsten Krisentag hinauszudenken. Drängende Fragen wie diese kommen einem in den Sinn: Wie hoch muss künftig die Kapitalquote der Banken sein und wie niedrig ihr Verschuldungsgrad? Wie kann sich der Staat möglichst schnell und lautlos wieder aus den Banken zurückziehen? Wenn der Dampfer nach ein paar Stunden wieder anlegt, könnten sich die Banker und Politiker endlich daran machen, die Krise gemeinsam zu bekämpfen. Dass ihr Schiff den Namen "Kirschblüte" trägt und nicht "Titanic", ist doch ein gutes Omen, oder?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%