Rieckes Rückfrage
Dann waren es zwölf

Der Countdown läuft. Eigentlich zählen die Schweizer schon seit April die Stunden, bis ihr Land von der ominösen grauen OECD-Liste verdächtiger Steueroasen wieder verschwindet. Am liebsten würde man das ganze Kapitel in der Alpenrepublik schnell vergessen – aber so schnell wird das nichts.

Der Countdown läuft. Eigentlich zählen die Schweizer schon seit April die Stunden, bis ihr Land von der ominösen grauen OECD-Liste verdächtiger Steueroasen wieder verschwindet. Damals hatten die 20 größten Industrie- und Schwellenländer bei ihrem Gipfel in London acht Länder als graue Mäuse gebrandmarkt, weil sie nicht entschieden genug gegen Steuerflüchtlinge vorgingen. Wer sich weißwaschen wollte, musste zwölf Doppelbesteuerungsabkommen nach den neuen OECD-Regeln vorweisen. Vor kurzem hat Österreich seine weiße Weste präsentiert, und in den nächsten Tagen wollen die Schweizer endlich aus der Grauzone kommen. Elf Abkommen hat man in der Tasche, es fehlt also nur noch eines.

Dieses „name and shame“ der großen Mächte war für die Eidgenossen fast ein traumatisches Erlebnis. Hin- und hergerissen zwischen dem tiefen Bedürfnis, von aller Welt geliebt zu werden, und dem Urreflex, sich nicht von außen in die eigenen Angelegenheiten hineinreden zu lassen, haben die Schweizer die Zähne zusammengebissen und gezählt: eins, zwei, drei ... Es war fast wie Silvester, nur dass eine Champagner-Laune auch nach Erreichen der Zwölf nicht aufkommen dürfte. Am liebsten würde man das ganze Kapitel in der Alpenrepublik schnell vergessen.

Daraus wird allerdings so schnell nichts. Zum einen wird um das wichtige Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland noch gerungen. Nach einer ersten Verhandlungsrunde Anfang September in Bern hat man sich auf Ende November in Berlin vertagt. Beide Seiten betonen die konstruktive Atmosphäre. Tatsache ist jedoch, dass sich die Schweizer gerade von den Deutschen ihr Bankgeheimnis nicht ohne Gegenleistung abringen lassen wollen. So pocht man in Bern auf einen verbesserten Zugang der heimischen Finanzdienstleister zum deutschen Markt, ohne zu wissen, wie man das durchsetzen will.

Aber eigentlich sind das bereits die Schlachten von vorgestern. Am liebsten würden sich die Eidgenossen den ganzen Streit um das Bankgeheimnis durch eine anonyme Abgeltungsteuer vom Hals schaffen. Aber auch der Zug scheint bereits abgefahren. Die EU-Nachbarn wollen nicht nur das Geld, sie wollen auch die Namen der Steuersünder. Warum haben die Schweizer diesen grundsätzlich vernünftigen Vorschlag nicht bereits vor zwei Jahren gemacht?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%