RIECKES RÜCKFRAGE
Der Berg bröckelt

Wie eine Lawine geraten in diesen Tagen einige nationale Heiligtümer der Schweiz in Bewegung. Bei einem Treffen der Privatbankiers wird offen über die Abschaffung des Bankgeheimnisses debattiert. Der Bundesrat teilt den verblüfften Eidgenossen mit, zur Not könne die Wirtschaft auch ohne die Großbank UBS zurechtkommen.

Der Chef der Armee nimmt seinen Helm, weil er sich im Privatleben nicht als Offizier und Gentleman verhalten hat. Und aus dem fernen Hamburg meldet sich der schweizerische Präsident des Weltwirtschaftsarchivs und ruft seine Landsleute zu mehr Gelassenheit auf.

Nichts, so scheint es, bleibt wie es war. Und das mögen die Schweizer überhaupt nicht. So hat sich in dieser Woche denn auch die Schweizerische Volkspartei (SVP) zu Wort gemeldet und gefordert, das Bankgeheimnis in der Verfassung zu verankern. Das bringt rechtlich gesehen zwar kaum etwas, da der Umgang mit sensiblen Kundendaten aus dem Ausland in bilateralen Verträgen verankert wird. Doch zumindest signalisieren die Eidgenossen damit dem Rest der Welt, dass sie sich von außen keine Vorschriften machen lassen.

Nebenbei hat die Blocher-Partei der Nationalbank noch geraten, ihre Goldvorräte aufzufüllen, um für schlechtere Zeiten gerüstet zu sein. Das Gold müsse in einem vermutlich atomsicheren Bunker in der Schweiz gelagert und könne notfalls für Rohstoffkäufe verwendet werden. In solchen abstrusen Vorschlägen zeigt sich die ganze Verunsicherung, die das Land erfasst hat.

Besser wäre es, die Schweizer würden auf HWWA-Chef Thomas Straubhaar hören und gelassen auf die Veränderungen reagieren. Dazu haben sie nämlich allen Grund. Mit einem Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent auf Jahresbasis hat die Alpenrepublik die Finanzkrise und die folgende Konjunkturflaute weitaus besser weggesteckt als ihre Nachbarn. Die Arbeitslosenquote ist mit knapp über zwei Prozent immer noch beneidenswert niedrig. Die meisten Schweizer Unternehmen haben sich gut auf die Anforderungen der Globalisierung eingestellt und gehören zu den konkurrenzfähigsten Anbietern.

Und auch die Banken ziehen ihre Lehren aus der Finanz- und Steuerkrise. Dabei sollten sie sich allerdings folgenden Frage stellen: Hat der Finanzplatz Schweiz wirklich nicht mehr zu bieten, als ein in dieser Form kaum haltbares Bankgeheimnis?

riecke@handelsblatt.com

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%