Rieckes Rückfrage
Die AIG-Connection

Die Bundesregierung hat eine Beteiligung an dem 700 Milliarden Dollar umfassenden Banken-Rettungspaket der Amerikaner abgelehnt. Aus anderen europäischen Hauptstädten kommen ähnliche Signale. Doch kann Europa es sich wirklich leisten, bei der Rettung des Finanzsystems abseits zu stehen?

Die Reaktion von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf die Bitte der USA, sich an dem Rettungsplan für das globale Finanzsystem zu beteiligen, ist eindeutig: you broke it, you own it. Auf gut Deutsch: die Suppe müsst ihr alleine auslöffeln. Aus anderen europäischen Hauptstädten kommen ähnliche Signale.

Damit machen wir Europäer uns die Sache jedoch wieder einmal zu einfach. Nehmen wir das Beispiel AIG. Der beinahe pleitegegangene US-Versicherungskonzern hatte Ende Juni ein Volumen von etwa 440 Mrd. Dollar sogenannter "Credit Default Swaps" (CDS) in seinen Büchern. Bei diesen obskuren Finanzprodukten handelt es sich um eine Art Kreditversicherung für Anleihen, die dem Käufer bei einem Zahlungsausfall zur Seite springt.

Der verständliche Wunsch nach einer Risikovorsorge von Gläubigern diente findigen Finanzakrobaten jedoch als Vehikel, ein internationales Spielkasino zu eröffnen. Die CDS wurden für Bonitätswetten auf Anleiheprodukte aller Art missbraucht, um damit kurzfristige Profite einzufahren. So ist der Markt für diese Kasinochips auf heute 62 Bill. Dollar gewachsen. Das bunte Treiben findet nach Worten der US-Börsenaufsicht SEC ohne jegliche Aufsicht statt.

Wer sind die Spieler in diesem Finanzroulette? AIG, soviel wissen wir bereits, gehörte zu den risikofreudigsten Firmen. Was nach außen den Anschein einer soliden Versicherung mit spröden Hausrat- und Autopolicen hatte, war in Wirklichkeit ein riesiger, unkontrollierter Hedge-Fonds. Doch wer waren die Mitspieler? Nach Angaben von AIG wurden etwa zwei Drittel der von ihr ausgestellten CDS von europäischen Banken aufgekauft, um sich gegen Zahlungsausfälle von Anleihen aus dem US-Hypothekenmarkt abzusichern. Über die Hintergründe dieser obskuren Absicherung wird heftig gestritten. Viele Experten glauben, die europäischen Finanzinstitute hätten sich nur deshalb der CDS bedient, um die Kapitalanforderungen nach den Basel-II-Vorschriften zu umgehen. Der Fachmann spricht von "regulatory arbitrage", man kann das aber auch als Taschenspielertrick geißeln. Fakt ist, dass die Rettung von AIG auch die europäischen Banken vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Kann Europa es sich angesichts der AIG-Connection wirklich leisten, bei der Rettung des Finanzsystems abseits zu stehen?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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