Rieckes Rückfrage: Die Macht der Worte

Rieckes Rückfrage
Die Macht der Worte

Symbolische Ereignisse, die mit der wirtschaftlichen Lage überhaupt nichts zu tun haben, können die Menschen aus der Depression reißen. Doch wie kann uns diese Erkenntnis in der aktuellen Finanzkrise helfen?

In der Schublade eines deutschen Professors an der Universität St. Gallen schlummert ein Forschungspapier, das die Finanzkrise lösen könnte. Das ist natürlich eine Übertreibung. Aber der Ökonom Uwe Sunde hat herausgefunden, dass symbolische Ereignisse, die mit der wirtschaftlichen Lage überhaupt nichts zu tun haben, den wirtschaftlichen Optimismus der Menschen steigern können. Und was brauchen wir neben mehr Kapital für die Banken in der aktuellen Krise am dringendsten? Zuversicht und Vertrauen.

Sunde hat seine These mit einer empirischen Arbeit über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland untermauert. Dabei haben er und sein Forscherteam festgestellt, dass die Menschen nach jedem Sieg der deutschen Mannschaft etwas optimistischer auf ihre wirtschaftliche Zukunft schauten. Die Niederlage im Halbfinale hat der aufkeimenden Zuversicht dagegen einen Knacks versetzt. Angewandt auf die Finanzkrise bedeutet das, symbolische Ereignisse können die Krisenpsychologie durchbrechen und die Menschen aus der Depression reißen.

Da die nächste Fußball-WM erst in zwei Jahren und dann auch noch im fernen Südafrika stattfindet, hilft uns diese Erkenntnis zunächst wenig. Um einen möglichst großen Schub der Zuversicht auszulösen, müssten ohnehin die krisengeschüttelten USA den Weltpokal gewinnen - was aber angesichts der fußballerischen Fähigkeiten der Amerikaner nicht sehr wahrscheinlich ist. Auch ein Sieg Englands wäre ökonomisch betrachtet recht effektiv. Ist die Depression auf der Insel doch besonders groß. Da die Angst der Engländer vor dem Elfmeterschießen jedoch noch größer ist als vor der Krise, kann man sich darauf kaum verlassen.

Amerika hat allerdings gezeigt, dass man auch ohne einen sportlichen Erfolg die Menschen mit aufmunternden Worten aus ihrer Krisenlethargie reißen kann. Franklin D. Roosevelt forderte 1933 seine Landsleute auf, ihr Geld zu den Banken zurückzubringen. Einen Tag später wurden überall im Land neue Konten eröffnet. Barack Obama scheint mit seiner ehrlichen und optimistischen Antrittsrede das gleiche Kunststück gelungen zu sein. Auch wenn sich die Börsianer als Spätzünder erwiesen haben. Jetzt sucht die Welt nach weiteren Obamas, an denen man sich aufrichten kann. Warum wohl muss man in Deutschland besonders lange suchen?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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