Rieckes Rückfrage
Durchatmen und denken

Vieles, was von den Regierungen und Notenbanken in der Not dem Flächenbrand entgegengeworfen wurde, ist nicht stimmig. Die Krise hat die Gesetze der Finanzmathematik schließlich nicht außer Kraft gesetzt. Irgendwer muss die Risiken übernehmen – der Staat?

Spüren Sie das auch? Diese fast unwirkliche Stille an den Krisenschauplätzen der Finanzwelt. Die Talfahrt an den Börsen ist zwar nicht gestoppt, aber der Untergang des Abendlandes scheint abgewendet. Wenn nichts mehr schiefgeht, werden Banker, Politiker und Journalisten auch das zweite Wochenende hintereinander durchatmen können. Nach dem Dauereinsatz zur Rettung der Welt ist das eine dringend notwendige Verschnauf- und Denkpause.

Nein, die Krise ist keineswegs überstanden. Für alle, die sich nicht mit dem Geld anderer Leute befassen, kommt das dicke Ende in Form einer Rezession noch. Das Leiden der Banker ist nur ein Frühindikator. Das Tempo der Finanzkrise hat viele der klügsten Köpfe schlicht überfordert. Dadurch kam es zu überraschenden Wendemanövern, offensichtlichen Widersprüchen und gravierenden Fehlern. Man denke an das erratische Krisenmanagement der US-Regierung, die erst eine Rettung der Banken ablehnte, dann für 700 Mrd. Dollar den Subprime-Müll aufkaufen wollte und jetzt die wichtigsten Finanzhäuser des Landes zwangsverstaatlicht.

Vieles, was von den Regierungen und Notenbanken in der Not dem Flächenbrand entgegengeworfen wurde, ist nicht stimmig. Ein paar Beispiele: Hohe Kernkapitalquoten gelten jetzt als Bollwerk gegen die Krise. Obwohl Goldman Sachs und Morgan Stanley die höchsten Quoten in der Finanzwelt hatten, wurden sie dennoch zu Kapitalmaßnahmen gezwungen. Aber sind stärkere Kapitalpolster wirklich das Allheilmittel? Oder muss man nicht wie die Schweizer auch die Verschuldungsgrenzen (Leverage Ratio) ins Visier nehmen? Das würde jedoch gerade von den europäischen Banken eine schmerzliche Verringerung der Bilanzsumme verlangen. Markt und Staat dringen ohnehin auf eine rapide Entschuldung (De-Leveraging) des gesamten Finanzsektors. Die Risiken lassen sich jedoch nicht wegzaubern. Die Krise hat die Gesetze der Finanzmathematik schließlich nicht außer Kraft gesetzt. Irgendwer muss die Risiken übernehmen - der Staat?

Wenn wir jetzt nicht mehr Ordnung in das Krisenmanagement bringen, werden wir uns in Zukunft nicht nur mit den Folgen der Krise, sondern auch mit denen der Rettungsmaßnahmen abplagen müssen. Wann wäre die Gelegenheit besser, darüber nachzudenken, als an einem ruhigen Wochenende?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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