Rieckes Rückfrage
Ein Bankier sieht rot

Konrad Hummler ist ein mächtiger Mann in der Schweiz. Er leitet die Privatbank Wegelin & Co, ist Präsident der Vereinigung Schweizer Privatbankiers und sitzt im Verwaltungsrat der „Neuen Zürcher Zeitung“. Doch nun ist Konrad Hummler überaus wütend. Überaus wütend auf die USA.
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Konrad Hummler ist ein kluger Mann und schreibt mit spitzer Feder nicht nur Anlagekommentare, sondern auch wöchentlich eine Gastkolumne im Handelsblatt. Konrad Hummler ist ein wütender Mann und hat seiner Wut auf Amerika jetzt freien Lauf gelassen. Sein jüngster Brief an seine Kunden ist eine Generalabrechnung mit den USA und endet mit der Ankündigung, dass sich Wegelin komplett aus den Vereinigten Staaten zurückziehen werde.

Grund für den Unmut des Bankiers ist, dass die USA die Schweiz gezwungen haben, 4 450 Kundendaten der Großbank UBS an die US-Steuerfahnder auszuliefern. Hummler ereifert sich über jene „Moralapostel“, die mutmaßliche Steuersünder verdammen, dabei aber seiner Meinung nach außer Acht lassen, „welcher Art Staat sie zudienen“. Amerika gehöre in den vergangenen 60 Jahren zu den „weltweit aggressivsten Nationen“, habe die meisten Kriege vom Zaun gebrochen, das Völkerrecht verletzt und fragwürdige Regime unterstützt. Das Land lasse seine Infrastruktur verfallen und biete seinen ärmeren Bürgern weder adäquate Bildung noch eine Krankenversicherung. Die USA stürzten die Welt regelmäßig in Finanzkrisen, um sich dann mit dem Geld anderer Nationen aus dem Schuldensumpf ziehen zu lassen.

Wohl gemerkt, Hummler wütet nicht gegen Nordkorea, sondern gegen das Land, das Europa mit seinem eigenem Blut vom Faschismus befreit, gegen den Kommunismus verteidigt und bis heute seine Sicherheit garantiert hat. Dass auch die neutrale Schweiz von der Schutzmacht Amerika profitiert hat, wird Hummler nicht ernsthaft bestreiten. Außerdem hinterlässt es einen bitteren Nachgeschmack, wenn sich ein Bankier jenes Landes zum Richter der USA aufspielt, dessen größte Bank über Jahre hinweg recht skrupellos die Gesetze Amerikas gebrochen hat.

Aufschlussreich ist die Hummlers Tirade aber deshalb, weil sie offenbart, wie wenig Schweizer Bankiers von Amerika verstehen. So rät er seinen Lesern, Fragen der Gerechtigkeit beim Steuerstreit außen vor zu lassen. Steuern zahlen ist in Amerika jedoch vor allem eine Sache des „Fair-Play“. Hätten die Schweizer Bankiers das nicht wissen müssen?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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