Rieckes Rückfrage
Immer wieder freitags

Die Bilanzsaison für das zweite Quartal ist im vollen Gange. Schlag auf Schlag werden in den nächsten Wochen Banken und Unternehmen in den USA und Europa ihre Geschäftsergebnisse der vergangenen drei Monate vorlegen. Nach welchen Regeln die Unternehmen sich dabei für einen bestimmten Tag entscheiden, ist für Investoren, Analysten und Journalisten immer noch rätselhaft.

Die Bilanzsaison für das zweite Quartal ist im vollen Gange. Schlag auf Schlag werden in den nächsten Wochen Banken und Unternehmen in den USA und Europa ihre Geschäftsergebnisse der vergangenen drei Monate vorlegen. Nach welchen Regeln die Unternehmen sich dabei für einen bestimmten Tag entscheiden, ist für Investoren, Analysten und Journalisten immer noch rätselhaft. Auffällig ist jedoch, dass einige Unternehmen den Freitag als Tag der Wahrheit bevorzugen. Das kann natürlich betriebsinterne Gründe haben. Wissenschaftler sind jedoch davon überzeugt, dass mehr dahinter steckt. Seit Jahren gibt es eine wachsende Zahl von Studien zu diesem Thema. Dabei gehen die Forscher von der empirischen Beobachtung aus, dass Börsianer auch nur Menschen sind. Mit anderen Worten: am Freitag sind viele Investoren bereits mit dem Gedanken im Wochenende und haben kaum noch Lust, sich durch die Bilanzen von börsenotierten Unternehmen zu wühlen.

Wer also schlechte Nachrichten zu verkünden hat, sollte das besser an einem Freitag tun. Lässt sich doch empirisch belegen, dass die Kursschwankungen an den beiden Handelstagen nach einem Freitag um bis zu 20 Prozent geringer sind als an anderen Wochentagen. Hinzu kommt, dass auch das Handelsvolumen der betreffenden Aktien üblicherweise geringer ist. Die Firmen haben die menschlichen Schwächen des sonst unerbittlichen Marktprozesses längst spitz bekommen. Steffano DellaVigna und Joshua Pollet vom National Bureau of Economic Research in den USA haben herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit schlechter Geschäftsergebnisse an Freitagen fast 50 Prozent größer ist als an anderen Wochentagen.

Dass dennoch nur wenige Firmen sich die Wochenendstimmung an Freitagen zunutze machen, liegt nicht unbedingt daran, dass die große Mehrzahl mit hohen Gewinnen glänzen kann. Grund dafür ist eher die Erkenntnis, dass sich die Reaktion der Börse zwar aufschieben, aber nicht vermeiden lässt. Tatsächlich reagieren die Investoren auf Freitagsbotschaften nur mit einer Zeitverzögerung. Spätestens am folgenden Mittwoch hat die Börse ihren Kater vom Wochenende verdaut, und der Markt funktioniert wieder. Langfristig ist der Freitag also doch ein Tag wie jeder andere. Aber sollten wir nicht doch darauf achten, wer seine Zahlen freitags veröffentlicht?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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