Rieckes Rückfrage: Kollektives Versagen

Rieckes Rückfrage
Kollektives Versagen

Wie konnte es nur zu einer Krise solchen Ausmaßes kommen? Wie konnten die Banker der Welt nur so dumm sein? Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wird die Schuldfrage gestellt.

Wenn sich die globale Elite in den Schweizer Bergen zum Brainstorming trifft, gibt es meist eine Frage, die Manager, Banker und Politiker umtreibt. In diesem Jahr ist es die Schuldfrage, die schwer auf der Davoser Seele liegt. Wie konnten die Banker der Welt nur so dumm sein? Die Verblüffung darüber zeigt, wie wenig die Führungselite den Schock der Krise bislang verarbeitet hat. Galten doch gerade Banker vor der Krise als die klügsten Köpfe auf dem Globus.

Die Antwort fällt recht unterschiedlich aus. Der Historiker zum Beispiel wirft den vermeintlichen Finanzgenies vor, die Lehren der Geschichte ignoriert zu haben. Man hätte nur bis zur letzten Finanzkrise um den Hedge-Fonds LTCM 1998 zurückgehen müssen, um die Schwächen des Risikomanagements in den Banktempeln zu erkennen. Doch die gebräuchlichsten Modelle der Banker hätten gerade einmal die historischen Daten der vergangenen fünf Jahre benutzt.

Der kritische Ökonom führt das Versagen der Finanzelite auf eine Mischung aus falschen Anreizen und intellektueller Überheblichkeit zurück. Banker seien überaus gut dafür bezahlt worden, enorme Risiken einzugehen, deren Natur sie nicht hinreichend verstanden hätten.

Etwas gnädiger fällt die Analyse des Psychologen aus. Für ihn ist die Beichte von Alan Greenspan das Schlüsselerlebnis der Krise. Der frühere Maestro unter den Notenbankern hatte eingeräumt, dass mit der Krise sein Paradigma zerbrochen ist, wonach jeder Finanzmarktakteur sich gegen Risiken absichert. Zugleich erinnert der Psychologe daran, dass die meisten Menschen die Zukunft als eine Wiederholung dessen betrachten, was sie aus Erfahrung kennen. Extremsituationen kommen in dieser Kalkulation nicht vor. Der historischen Wahrheit am nächsten kommt jedoch überraschend ein Banker. Ohne seine Zunft reinzuwaschen fragt er zu Recht, warum der Rest der Welt so dumm war. Die Politiker in Amerika zum Beispiel, die das Hauseigentum für jedermann propagiert haben, obwohl nicht jeder sich ein Haus leisten kann. Oder die Hypothekenschuldner, die sich mit falschen Einkommenserklärungen selbst in die Tasche gelogen haben. Und waren da nicht auch die Investoren, die wider besseren Wissens hohe Renditen ohne Risiken einheimsen wollten? War das Versagen also nicht vielmehr kollektiv?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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