Rieckes Rückfrage
Krankenblatt der Banken

Wenn jemand im Krankenhaus liegt, hängt am Fußende seines Bettes meist ein Krankenblatt, das genau Auskunft über den Zustand des Patienten gibt. Ein solches Attest hat jetzt der Internationale Währungsfonds vorgelegt.

Der neue Global Financial Stability Report des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist quasi ein Krankenblatt für die internationale Bankenwelt. Wer sich nicht durch die mehr als 200 Seiten wühlen will, sollte sich zumindest die Seite 13 (!) des Berichts ansehen. Schon ein flüchtiger Blick verrät: Dem Patienten droht ein Rückfall.

Die IWF-Analytiker haben penibel die zu erwartenden Abschreibungen, Gewinne und die sich aus dem Saldo dieser Größen ergebenden Kapitalerfordernisse der Banken aufgelistet. Das Ergebnis sollte Banker und Politiker blass werden lassen. Die erste Erkenntnis ist, dass selbst die guten Gewinne vieler Banken nicht ausreichen werden, um die noch notwendigen Abschreibungen aufzufangen. Bis Ende 2010 entsteht für die europäischen und amerikanischen Banken eine neue Kapitallücke von 310 Mrd. Dollar.

Das Loch in den Bankbilanzen wird noch größer, wenn man als Maßstab die höheren Kapitalpolster zugrunde legt, die von den G20-Staaten gefordert werden und vom Financial Stability Board (FSB) jetzt konkretisiert werden müssen. Legt man die Messlatte zum Beispiel bei einer Leverage Ratio (materielles Eigenkapital/Bilanzsumme) von vier Prozent, entsteht ein zusätzlicher Kapitalbedarf von 670 Mrd. Dollar. Fast die Hälfte davon müssen die Banken in der Euro-Zone aufbringen. Selbst wenn man mehr den europäischen Gepflogenheiten folgt und die Pflichtmarke bei einer Kernkapitalquote von zehn Prozent setzt, summiert sich der zusätzliche Kapitalbedarf der Euro-Banken auf sage und schreibe 380 Mrd. Dollar.

Eigentlich müssten jetzt alle Institute wie BNP Paribas an die Kapitalmärkte rennen. Dort tut sich jedoch kaum etwas. Dass fußkranke Banken derartige Kapitalmengen von privaten Investoren einsammeln, ist ohnehin illusorisch. Insbesondere, wenn Hybridkapital wie Wandelanleihen bei der Berechung der Kapitalpolster künftig eine deutlich geringere Rolle spielen werden. Um dennoch die Zielmarken zu erreichen, bleibt den Banken nichts anderes übrig, als ihre Bilanzsummen durch Spartenverkäufe dramatisch zu schrumpfen. Die spannende Frage ist: Warum reden weder Banker noch Politiker über diese unangenehme Wahrheit?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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