RIECKES RÜCKFRAGE
Lieber hart, aber fair

Not schärft die Sinne, heißt es. Die vergangene Woche belegt das Gegenteil. Niemals scheint die Verwirrung darüber, welche Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen sind, größer als heute.

Dazu vier Beispiele. Erst ruft Lloyd Blankfein dazu auf, das Fair-Value-Prinzip bei der Bilanzierung von Risikopositionen nicht leichtfertig über Bord zu werfen. Nur die Bewertung zu Marktpreisen, so der Chef von Goldman Sachs, zwinge die Banken dazu, eiserne Disziplin zu wahren. Am nächsten Tag verschiebt die UBS Schuldtitel vom Handels- in das Kreditbuch, um sie nicht mehr zu Marktpreisen bewerten zu müssen.

Mitte der Woche schlägt sich Credit Suisse auf die Seite von Blankfein und verzichtet auf die Bilanzkosmetik. Konzernchef Brady Dougan nennt das Vorgehen der Rivalin UBS "schlechte Geschäftspolitik". Und nun wird bekannt, dass die Bundesregierung auf eine strikte Einführung des Fair-Value-Prinzips für den Mittelstand verzichten will. Schließlich sei die teuflische Marktbewertung mit schuld an dem Desaster. Wenn der Kompass fehlt, ist ein Ausweg aus der Krise schwierig zu finden.

Zunächst müssen wir mit der Mär aufräumen, die Krise sei ein Produkt zu strenger Bilanzregeln. Das Gegenteil ist der Fall. Blankfein hat recht: zu viele Finanzhäuser haben es versäumt, ihre Risiken rechtzeitig zu Marktpreisen zu bewerten. Alles andere ist Geschichtsklitterung. Spötter mögen fragen, wie man Marktpreise für Papiere ermitteln will, wenn es für diesen Giftmüll keinen Markt mehr gibt. Das Argument ist jedoch nicht stichhaltig.

Wer eine bessere Orientierung in dieser schwierigen Frage sucht, sollte sich die verwandte Diskussion um eine "Bad Bank" in den USA anschauen. Die Amerikaner beißen sich genau an der Bewertungsfrage die Zähne aus. Warum zögert wohl die Regierung, den Banken ihren Subprime-Müll abzunehmen? Und warum finden sich kaum private Investoren dafür? Weil alle nur den "fair value", also einen möglichst marktnahen Preis zahlen wollen, und um solche Preise wird ernsthaft gerungen.

"Fair value" impliziert deutliche Abschreibungen, ob es einen liquiden Markt gibt oder nicht. Wollen wir die Vertrauenskrise wirklich dadurch lösen, dass wir das letzte Zutrauen in die dubiosen Bankbilanzen durch politisch motivierte Mondpreise zerstören?

riecke@handelsblatt.com

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