Rieckes Rückfrage
Mittags ist geschlossen

Von Gordon Gekko stammt der berühmte Spruch „Lunch is for wimps“. Geht es nach dem wohl berühmtesten Finanzhai, der von Michael Douglas im Film „Wall Street“ so meisterhaft dargestellt wurde, wären die Schweizer ein Volk von Waschlappen. Die Mittagspause ist in der Alpenrepublik nämlich genauso heilig wie das Bankgeheimnis. Für New Yorker ist das ein Schock.

Von Gordon Gekko stammt der berühmte Spruch „Lunch is for wimps“. Geht es nach dem wohl berühmtesten Finanzhai, der von Michael Douglas im Film „Wall Street“ so meisterhaft dargestellt wurde, wären die Schweizer ein Volk von Waschlappen. Die Mittagspause ist in der Alpenrepublik nämlich genauso heilig wie das Bankgeheimnis.

Versuchen Sie mal, mit einem eidgenössischen Handwerker einen Termin für elf Uhr vormittags zu vereinbaren. „Das lohnt sich gar nicht“, bekommen sie dann zu hören. „Da muss ich ja gleich wieder Pause machen.“

Was im Handwerk die Regel ist, gilt auch für Behörden, Industrie und Banken. Zwischen zwölf und zwei erreichen sie kaum jemanden.

Für Menschen, die an das hohe Tempo von New York gewohnt sind – Sie wissen schon, die Stadt, die niemals schläft –, ist das ein Schock. Natürlich gehen die Banker an der Wall Street auch zum Lunch. Aber dabei handelt es sich nicht um ein „Power-Lunch“ von 45 Minuten. Der Blackberry liegt meist direkt neben der Sushi-Box. Vorbei ist es in der Schweiz auch mit den aus New York gewohnten 24/7-Einkaufsmöglichkeiten. Dass außer am Sonntag auch montags üblicherweise Ruhetag in vielen Geschäften ist, was soll's? Dass aber Restaurants in der Alpenrepublik vorzugsweise am Sonntag ihre Küchen kalt lassen, ist nicht so leicht zu verdauen.

Nun wäre es verfehlt, die Eid-genossen pauschal als Müßiggänger abzutun. Im Gegenteil. Sie haben ihren Arbeitstag einfach nur besser organisiert als die Amerikaner. Während man in den USA bei Handwerkern, Behörden und in Geschäften nie ganz sicher ist, ob gearbeitet oder gerade Pause gemacht wird, weiß man in der Schweiz zumindest, woran man ist. Mittags ist zu, sonst wird gearbeitet. Im Vergleich zu Deutschland müssen sich die Eidgenossen ohnehin nicht verstecken. Die Schweizer müssen sich mit weniger Feiertagen und mit weniger Urlaub zufriedengeben.

Bleibt die Frage, ob sich auch ein moderner Gordon Gekko in den Bergen wohlfühlen würde. Schaut man auf die Karawane von angelsächsischen Hedge-Fonds und Firmen, die in die Schweiz umziehen, müssen sich die Eidgenossen keine Sorgen machen. Wer würde nicht eine lange Mittagspause in Kauf nehmen, um einen handfesten Steuervorteil zu ergattern?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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