Rieckes Rückfrage
Ohnmächtige Frauen

Angela Merkel ist spitze. Zumindest auf der Forbes-Rangliste der mächtigsten Frauen der Welt nimmt die deutsche Bundeskanzlerin zum vierten Mal den ersten Platz ein. Die eigentliche Überraschung ist jedoch die Nummer zwei. Mit Sheila Bair hat es eine Finanzaufseherin nach oben geschafft.

Die 55-Jährige ist die Chefin der amerikanischen Einlagensicherung FDIC und hat bei der Bewältigung der Finanzkrise eine entscheidende Rolle gespielt. Vor Ausbruch der Misere hätten vermutlich die wenigsten ihren Namen buchstabieren können.

Die Finanzkrise hat jedoch nicht nur bislang wenige bekannte Frauen ins Scheinwerferlicht katapultiert. Sie hat auch vormals prominente Managerinnen auf die hinteren Plätze verwiesen. So landet Sallie Krawcheck, einstmals eine Favoritin für den Top-Job bei der Citigroup und heute Chefin der weltweiten Vermögensberatung bei der Bank of America, abgeschlagen auf Platz 87. Vor dem Zusammenbruch an der Wall Street stand die 44-Jährige noch auf Platz sechs.

Dabei hat Krawcheck die Krise noch weitaus besser überstanden als die meisten ihrer Leidensgenossinnen. Oder erinnern Sie sich noch an Zoe Cruz. Die unter dem Spitznamen „Cruz Missile“ bekannte Bankerin sorgte viele Jahre bei Morgan Stanley dafür, dass die Handelsgewinne kräftig sprudelten. Als der Boom zu Ende war, war es auch mit Cruz zu Ende. Morgan-Stanley-Chef John Mack (Spitzname: „Das Messer“) sägte seinen einstigen Protegé kurzerhand ab.

Nicht viele besser erging es Erin Callan. Die ehemalige Finanzchefin von Lehman Brothers galt als der kommende Star an der Wall Street. Vor zwei Jahren listete sie das US-Magazin „Fortune“ noch als „Woman to watch“. Kurz bevor die Investmentbank im letzten September in Konkurs ging, feuerte Lehman-Chef Richard Fuld seinen Superstar. Callan heuerte daraufhin bei Credit Suisse an, warf dort jedoch – angeblich wegen gesundheitlicher Probleme – nach fünf Monaten das Handtuch.

Die Geschichte der wenigen Top-Frauen an der Wall Street ist somit kaum weniger traurig als die ihrer männlichen Kollegen. Es wäre allerdings verfrüht, daraus Schluss zu ziehen, auch Frauen an der Spitze hätten die Finanzkrise nicht verhindert. Sollte man dazu nicht mehr Frauen zunächst eine Chance geben, es besser zu machen?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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