Rieckes Rückfrage
Rückzug in die Zukunft?

Der Finanzplatz Schweiz hat viele Baustellen. Es sind ja nicht nur die enormen Abschreibungen von UBS & Co, die auf das Schweizer Gemüt drücken.Der Finanzplatz zittert auch um das Bankgeheimnis. Nun besinnen sich die Schweizer Finanzmanager auf ihre traditionellen Stärken.

Meine erste Woche am Finanzplatz Zürich kommt einer Vollbremsung gleich. Zwei Ausdrücke klingeln mir in den Ohren, die von den Schweizer Bankern in diesen Tagen hoch gehalten werden: nachhaltig und langfristig. Welch ein Kontrast zur Wall Street in New York, wo ich in den vergangenen sieben Jahren die Jagd nach dem schnellen Profit beobachten konnte. Offenbar besinnen sich die Schweizer Finanzmanager auf ihre traditionellen Stärken, nachdem sich einige von ihnen im Zuge der Finanzkrise kräftig die Finger verbrannt haben. Die Rolle rückwärts kommt mir vor wie eine Wiederentdeckung der Langsamkeit. Frei nach dem Bestseller-Roman des deutschen Autors Sten Nadolny, der sich vor 25 Jahren gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit stemmte.

Ob sich der Finanzplatz Zürich mit der nostalgischen Beschwörung alter Tugenden quasi am eigenen Schopf aus der Krise ziehen kann, muss man allerdings bezweifeln. Es sind ja nicht nur die enormen Abschreibungen von UBS & Co, die auf das Schweizer Gemüt drücken. Die Steuerfehde mit den USA, der Druck aus dem Ausland, das Bankgeheimnis aufzuweichen, all das geht doch an die Substanz und kratzt am Selbstbewusstsein der Eidgenossen.

Inmitten dieser etwas lethargischen Stimmungslage hat der Schweizer Versicherungskonzern Swiss Life ein erfrischendes Signal gesetzt und sich einfach neu erfunden. Kurzerhand hat Präsident Bruno Gehrig die bisherige Konsolidierungsstrategie über den Haufen geworfen und sich durch die mehrheitliche Übernahme des Finanzvertriebs AWD und die Beteiligung am Makler MLP in ein finanzielles Abenteuer gestürzt. Von den von hohen Dividenden verwöhnten Investoren ist Swiss Life dafür mächtig abgestraft worden. Die strategische Ratio für ihre überraschende Expansion werden die Schweizer in der kommenden Woche bei der Vorlage der Halbjahreszahlen noch nachliefern müssen. Zumal sich MLP jetzt mit einer Kapitalspritze vor weiteren Avancen aus Zürich schützen will.

Dennoch: Dass hier ein Finanzkonzern offensiv versucht, sich den wandelnden Gegebenheiten im Versicherungsgeschäft anzupassen, sollte man erst einmal positiv vermerken. So wichtig es ist, dass die Schweizer Finanzhäuser wieder nachhaltig und langfristig wirtschaften, so wichtig ist es, dass sie sich dabei nicht einigeln und jedem Risiko aus dem Wege gehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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