Rieckes Rückfrage
Schicksal auf der Mailbox

Am Ende dieser Lehman-Gedenkwoche verblüfft uns Warren Buffett mit einer kleinen Sensation: Der Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems wäre uns möglicherweise erspart geblieben, wenn der bekannte US-Investor sein Handy hätte richtig bedienen können.
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Das ist natürlich übertrieben. Dennoch offenbart die folgende Buffett-Anekdote, wie selbst in der hoch technisierten Finanzwelt des 21. Jahrhunderts kleine menschliche Schwächen manchmal den Lauf der Geschichte beeinflussen können.

Doch der Reihe nach: Am schicksalhaften Lehman-Wochenende im September 2008 versuchte der Chef der britischen Barclays-Bank, Robert Diamond, verzweifelt das "Orakel aus Omaha" zu erreichen. Diamond wollte, dass Buffett die Vermögenswerte von Lehman absichert, damit Barclays das todgeweihte Brokerhaus hätte übernehmen können. Die britische Regierung hatte eine Rückendeckung zuvor abgelehnt. Der Barclays-Chef hinterließ eine Nachricht auf Buffets Mobiltelefon, ohne zu ahnen, dass der 79-Jährige nicht wusste, wie er seine Mailbox abruft. So fragte der Investor viel später seine Tochter Susan, was das seltsame Symbol auf dem Display seines Handys bedeuten könnte. Mit ihrer Hilfe erreichte ihn die Nachricht von Diamond als es für Lehman längst zu spät war.

Wir wissen nicht, ob ein Deal überhaupt zustande gekommen wäre und Barclays mit Hilfe von Buffett Lehman vor der Pleite gerettet hätte. Und Zweifel sind angebracht, ob selbst eine Rettung von Lehman den Gang der Finanzkrise grundlegend verändert hätten. Es erscheint jedoch tragisch und kurios zugleich, dass hier eine historische Chance vertan wurde, weil die Technik dem Schicksal einen Streich spielte.

Es war übrigens nicht der einzige Anruf der in diesen Tagen nicht zustande kam. Auch Lehman-Chef Dick Fuld versuchte in allerletzter Minute verzweifelt Kenneth Lewis, den Chef der Bank of America, zu erreichen, um ihn zu einer Übernahme zu bewegen. Lewis rief nie zurück und kaufte stattdessen das Brokerhaus Merrill Lynch.

Was Buffett betrifft, so hat ihn seine altmodische Skepsis gegenüber technischen Neuerungen vermutlich vor finanziellem Schaden bewahrt. Steckt der tiefere Sinn dieser Anekdote vielleicht darin, dass sowohl in der Technologie als auch im Finanzwesen bestimmte Innovationen den Menschen einfach überfordern?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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