Rieckes Rückfrage
Schweizer in der Wüste

Die Schweiz ist in Gefahr. Der libysche Staatschef Muammar al-Ghadhafi will bei der Uno angeblich eine Auflösung der Alpenrepublik beantragen. Die Einzelteile des Vielvölkerstaates sollen an die Nachbarländer verteilt werden.

Die Schweiz ist in Gefahr. Nicht etwa, weil das Bankgeheimnis gelüftet wurde und die Steuerflüchtlinge sich ein anderes Versteck suchen müssen. Die Gefahr kommt auch nicht aus Amerika, das die Eidgenossen gerade im Steuerstreit mächtig in den Schwitzkasten genommen hat. Nein, die wahre Existenzbedrohung kommt aus Libyen: Der dortige Staatschef Muammar al-Ghadhafi will bei den Vereinten Nationen (Uno) angeblich eine Auflösung der Alpenrepublik beantragen. Die Einzelteile des Vielvölkerstaates sollen an die Nachbarländer verteilt werden.

Der abstruse Vorschlag des alternden Wüstengenerals ist der bisherige Höhepunkt in einer Staatsposse zwischen Libyen und der Schweiz.

Sie begann damit, dass die Genfer Polizei im vergangenen Jahr Ghadhafis Sohn und dessen schwangere Ehefrau festgenommen hatte, weil sie angeblich zwei Hausangestellte misshandelt haben sollen. Die Eidgenossen pochten auf die Unabhängigkeit ihrer Justiz, die Libyer kochten vor Wut. Ghadhafi stoppte die Öllieferungen, verbannte Schweizer Firmen und zog geschätzte fünf Mrd. Euro von Schweizer Banken ab. Zudem ließ der Diktator, der sein 40. Amtsjubiläum gerade mit einem Helden-Empfang für den Lockerbie-Attentäter feierte, zwei Schweizer Geschäftsleute verhaften und hält sie seitdem als Geiseln fest.

Die Affäre köchelte auf kleinerer Flamme, bis vor kurzem Bundespräsident und Finanzminister Hans-Rudolf Merz das Heft in die Hand nahm. Er flog in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Tripolis, entschuldigte sich bei Ghadhafi und kehrte mit einem "Friedensvertrag" und dem Versprechen zurück, dass die Geiseln spätestens am 1. September freikommen würden. Der Regierungsjet, der die beiden Geschäftsleute abholen sollte, blieb jedoch leer. Ghadhafi lässt die Eidgenossen weiter zappeln und nimmt damit Rache für die Verhaftung seines Sohnes. Der Schweizer Staatsmann Merz hat mit seinem peinlichen Alleingang dagegen sein Gesicht verloren und muss die Zuständigkeit für den Fall an seine Außenministerin zurückgeben. Das nennt man einen außenpolitischen GAU.

Dass sich Ghadhafi mit seinem Vorschlag bei der Uno durchsetzt, ist allerdings nicht zu erwarten. Aber sollten die Eidgenossen nicht vielleicht doch ihren überaus ungeschickt agierenden Bundespräsidenten in die Wüste schicken?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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