RIECKES RÜCKFRAGE
Stochern im Nebel

Da soll sich noch jemand auskennen: Rezession, Stagflation, Inflation, Depression – was bedrückt uns denn wirklich? Die aktuelle Finanz- und Konjunkturkrise hat bislang mehr Namen produziert als Vorschläge, wie man die Misere überwinden kann. Auf dem Notenbank-Gipfel im amerikanischen Jackson Hole gestand Israels Währungshüter Stanley Fischer stellvertretend für sein Gewerbe: „Es gibt enorme Unsicherheit über die aktuelle Lage.“

Ein paar Tausend Meilen entfernt in Lindau waren die Ökonomie-Nobelpreisträger auch nicht viel schlauer. Die Finanzkrise habe den Glauben der Wissenschaft an die Markteffizienz aus den Angeln gehoben, lautete das magere Fazit des Treffens.

Diese Unwissenheit über die Ursachen und Folgen der Krise steht im krassen Gegensatz zu der Flut von Regulierungsvorschlägen, mit denen die aufgeschreckten Finanzaufseher jetzt sicherstellen wollen, dass so etwas nie wieder passiert. In Zürich zum Beispiel haben diese Woche ein Schweizer Notenbanker, ein US-Nobelpreisträger und ein deutscher Wirtschaftsweiser im Chor ein Eingreifen des Staates gefordert.

Doch was tun, wenn man nicht einmal genau weiß, womit man es zu tun hat? Der US-Ökonom Allan Meltzer hat aus diesem Missstand die recht radikale Schlussfolgerung gezogen, dass die meisten staatlichen Regulierungen bestenfalls untauglich und schlimmstenfalls schädlich sind. Nur eine einzige Lehre will Meltzer aus der Krise ziehen: Das perverse Entlohnungssystem der Banker müsse verändert werden.

Dieser Vorschlag findet sich zwar auch in den meisten gut gemeinten „Todo-Listen“ der Banken und ihrer Aufseher. Meist aber nur unter ferner liefen. Als eine der ersten Großbanken will nun die UBS Ernst machen und ihr Bonussystem radikal umkrempeln. Die Schweizer denken etwa darüber nach, Mitarbeiter künftig mit fiktiven Anteilen ihrer jeweiligen Geschäftsbereiche zu belohnen.

Andere Banken versuchen die Anreize ihrer Finanzjongleure mit längeren Haltefristen und verzögerten Bonuszahlungen an den langfristigen Geschäftserfolg zu koppeln. Meltzer selbst sieht die Bestrebungen der Finanzbranche eher skeptisch und will mit der Steuerschraube die Anreize justieren.

Ist ein Ideenwettbewerb in dieser zentralen Frage nicht sinnvoller als mit vielen Regulierungsstöcken im Nebel der Finanzkrise zu stochern?

riecke@handelsblatt.com

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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