Rieckes Rückfrage
Von Käse und Tresoren

Was in der Seefahrt gilt, trifft auch auf die Finanzmärkte zu. Wenn es draußen stürmt, flüchtet man in einen sicheren Hafen. Draußen ist im Moment so ziemlich überall. Mit anderen Worten: Fast nirgends ist es mehr sicher. Hat doch der Finanz-Tsunami eine ganze Reihe von Finanz-Häfen unter sich begraben.

Vielen Banken kann man nicht mehr trauen, der Dollar hat seine besten Tage hinter sich, der Preis für eine Unze Gold ist weit von der 1000-Dollar-Marke entfernt und selbst für einstmals todsichere US-Staatsanleihen sind die Prämien für einen Zahlungsausfall gestiegen. Was bleibt? Die Schweiz!

Da kann der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück mit seiner Peitsche knallen soviel er will, wenn die heimischen Banken unter Wasser sind, flüchten viele Anleger in die Berge. So ist der Schweizer Franken im Oktober zwischenzeitlich um fast neun Prozent gegenüber dem Euro gestiegen und hat diese Woche gar einen neuen Vertrauensrekord aufgestellt: 1,43 Franken für einen Euro. Das gab es noch nie, seitdem die Einheitswährung eingeführt wurde. Vor zwei Monaten lag der Wechselkurs noch bei 1,60 Franken. Die Schweizer selbst sind von dem Vertrauensbeweis allerdings nur wenig begeistert. Verteuert der starke Franken doch ihre Exporte. Alles Käse, schimpft zum Beispiel die Firma Emmi. Der größte Käsehersteller der Alpenrepublik wird sein Umsatzziel im Ausland vermutlich nicht erreichen. Einige Schweizer fordern bereits ihre Nationalbank auf, die Zinsen zu senken, damit der Franken nachgibt und der Export wieder floriert.

So ganz trauen die Eidgenossen ihrer eigenen Finanz-Festung jedoch nicht. Hat doch das Subprime-Debakel der UBS nicht nur den Ruf der größten Bank des Landes beschädigt, sondern auch das Vertrauen in die Schweizer Bankkonten untergraben. Deshalb haben die Tresorhersteller des Landes im Moment Hochkonjunktur. Viele Eidgenossen bewahren ihre Wertsachen derzeit offenbar lieber Zuhause auf. Die Branche rät jedoch davon ab, hohe Bargeldbeträge im Heimschließfach zu deponieren. Das locke in der dunklen Jahreszeit nur Diebe an.

Insgesamt ist der starke Franken jedoch Balsam für das angeknackste Selbstbewusstsein des Alpenvolkes. Zeigt nicht der Vertrauensbeweis für den Finanzplatz Schweiz, dass einige "Naturgesetze" der alten Epoche die Krise überdauern?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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