Rieckes Rückfrage
Was ist normal?

Spätestens nachdem der Dow-Jones-Index die 10 000er-Marke übersprungen hat, wird es Zeit, über die Rückkehr in die Normalität zu sprechen. Doch was ist nach der Krise normal?
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Darüber debattieren Ökonomen schon seit einigen Monaten. Das Bild der Rückkehr suggeriert, dass wir irgendwie zu dem Zustand vor der Finanzkrise zurückkehren könnten – mit steigenden Wachstumsraten, sinkender Arbeitslosigkeit und finanzieller Stabilität. Die Krise wäre weniger eine historische Zäsur als ein bedauerlicher Unfall gewesen – verursacht von gewissenlosen Bankern.

Aber irgendwie ahnen wir, dass dieser naive Glaube an die Rückkehr zur Normalität uns nicht weit tragen wird. Dass die Krise mehr zerstört hat, als wir uns eingestehen wollen. Und dass die neue Normalität nicht die alte ist. Mohamed El-Erian ist schon seit langem dieser Meinung. Der Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco hat deshalb den Begriff des „new normal“ geprägt. Diese neue Normalität sieht weit weniger gemütlich aus als die alte. Die Kernthese El-Erians lautet, dass die US-Wirtschaft künftig nur noch mit einer Jahresrate von rund zwei Prozent wachsen wird statt mit 2,8 Prozent wie in den fünf Jahren vor der Krise.

Der Unterschied mag auf den ersten Blick nicht riesig erscheinen, hat aber profunde Auswirkungen – nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte Weltwirtschaft. Die USA müssen sich darauf einstellen, dass ihre Wirtschaft lange Zeit nicht ohne staatliche Anschubhilfe auskommt und dass die Arbeitslosigkeit hoch bleiben wird. Wenn der amerikanische Wachstumsmotor ausfällt, muss sich der Rest der Welt nach einer oder mehreren neuen Zugmaschinen umschauen. Weder in Asien noch in Europa ist man jedoch bislang bereit, sich von dem lieb gewordenen Modell zu verabschieden, dass Amerika auf Pump konsumiert und der Rest der Welt exportiert.

Auch in Deutschland klammert man sich an diese alte Normalität. Schließlich könne der Staat den Exporteuren nicht den Erfolg verbieten, heißt es in Berlin. Es geht jedoch nicht um eine staatliche Planwirtschaft, sondern um eine Wirtschaftspolitik, die mit Steuererleichterungen und der Liberalisierung der heimischen Dienstleistungen die Binnenkonjunktur fördert. Wäre eine solche neue Normalität nicht nur verlockend, sondern auch eine Rückkehr – nämlich zu den Strukturreformen der Agenda 2010?

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