Riesige Euphorie in Deutschland
Völler sehnt den Anpfiff herbei

Die Anspannung ist unerträglich, der Glaube an die Sensation aber groß. Auf dem letzten Flug vor dem WM-Finale wurde auch dem allerletzten Spieler des DFB-Teams deutlich: Fußball-Deutschland steht vor dem größten Wunder seit 1954.

dpa YOKOHAMA. "Die Chance kriegen wir so schnell nicht wieder, deshalb müssen wir versuchen zu gewinnen", betonte der Teamchef, bevor am Freitag der Sonderflieger mit der deutschen Finalelf von Seoul in den Endspiel- Ort Yokohama abhob. "Normalerweise passiert das nur einmal im Leben", strich Völler das Besondere der Situation heraus. Beim ersten Anflug auf Japan vor 36 Tagen hatte kaum jemand einen einzigen Yen auf eine Endspiel-Teilnahme des dreimaligen Weltmeisters gesetzt.

Nun wartet am Sonntag (13.00 Uhr MESZ/ZDF und Premiere live) im siebenten deutschen WM-Finale der Rekord-Champion Brasilien. Zu Hause ist zwischen Rügen und Bayern die Euphorie kaum zu stoppen. Taktik und Aufstellung stehen, auch wenn sie geheim bleiben. "Wir würden am liebsten schon morgen spielen", verriet Völler, mit welcher Ungeduld seine Spieler dem finalen Akt in Asien entgegen fiebern. "Wir haben eine realistische Chance. Wir wollen den Titel holen und wir können den Titel holen", machte Youngster Christoph Metzelder die Einstellung des ganzen Teams deutlich. Mit den deutschen Stärken wie Moral, Einsatzbereitschaft und Kampfgeist seien auch die Brasilianer zu beeindrucken, glaubt der 21-jährige Dortmunder, der bei einem Sieg zum jüngsten deutschen Weltmeister aller Zeiten aufsteigen würde.

Völler weiß natürlich um die individuelle Klasse der Brasilianer mit den drei großen Stars Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho. "Fast jeder Spieler ist in der Lage, auf eigene Faust etwas zu machen und ein Spiel zu entscheiden", betonte Völler. Doch er glaubt auch, ein wirksames Gegenmittel zu kennen: Konsequente Defensive gepaart mit hoher Disziplin - erst einmal hinten dicht. Und dann müsse man versuchen, "selbst einige Chancen zu kreieren, auch ein bisschen nach vorn zu spielen", so der Teamchef, der vor einem offenen Schlagabtausch aber eindringlich warnte: "Wenn man zu früh die Defensive entblößt, kann das bitter enden."

"Kleinigkeiten, Millimeter, Hundertstel werden entscheiden", sagte Kapitän Oliver Kahn einen knappen Finalausgang voraus - mit einem Happy End für Deutschland. Das erste Duell in der 72-jährigen WM- Geschichte gegen Brasilien überhaupt soll 48 Jahre nach dem ersten Titelgewinn 1954 als "Wunder von Yokohama" in die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eingehen. Erstmals seit jenem 3:2 gegen die damalige "Übermannschaft" Ungarn geht jetzt gegen Brasilien die DFB-Elf wieder als absoluter Außenseiter in ein WM-Finale. 1966, 1974, 1982, 1986 und 1990 wurde Deutschland jeweils auch von den internationalen Experten der Titel zugetraut.

2002 glauben vor allem die deutschen Spieler selbst an die Vollendung eines Traums, der schon jetzt in jede Märchensammlung passen würde. "Ich bin mit allen Spielern zufrieden", drückte es Völler eher unromantisch aus. Für das Endspiel hat er alle 22 verbliebenen WM-Akteure zur Verfügung. Top-Torjäger Miroslav Klose (5 WM-Treffer) ist trotz einer Rippenprellung einsatzbereit und will im Kampf um die Torjägerkrone gegen Ronaldo (6) und Rivaldo (5) noch einmal angreifen. Der an einer leichten Infektion leidende Carsten Jancker soll auch wieder rechtzeitig hergestellt sein.

Fast alle seine Spieler hätten die körperliche Belastung des Turniers "recht gut überstanden", verriet Völler. Obwohl natürlich auch seine Akteure von der WM und einer langen Saison geschlaucht sind, muss er bei der Aufstellung keine Rücksicht auf Substanzverluste nehmen. "Auch wenn noch zwei Tage Zeit sind, hat man seine Formation im Kopf", meinte Völler. Wahrscheinlich wird der Münchner Jens Jeremies den gesperrten Michael Ballack ersetzen. Ansonsten vertraut der Teamchef jener Mannschaft, die im Halbfinale Gastgeber Südkorea mit 1:0 bezwungen hatte. "Die meisten wissen es sowieso, wer spielt", sagte der Final-Coach.

Kahn, Frings, Linke, Ramelow, Metzelder, Schneider, Jeremies, Hamann, Bode, Neuville und Klose gelten als die Favoriten für die Startelf, die im "Yokohama International Stadium" die gelb-grüne Welle erst einmal stoppen soll. "Da will man alles zeigen, was man drauf hat, was man leisten kann", ist Völler von einer starken Gegenwehr überzeugt. "Wir haben keine Angst vor Brasilien", diktierte der Leverkusener Carsten Ramelow trotz der Erfahrung von drei verlorenen Saison-Endspielen der Weltpresse in die Blöcke.

Rund 2000 Japaner begrüßten das deusche Team am Freitag nach der Ankunft in der zweitgrößten Stadt des Landes (3,7 Millionen Einwohner) am Nobelhotel "Yokohama Bay Sheraton". Dort schwört Völler sein Team in den letzten Stunden bis zum Anpfiff des italienischen Schiedsrichter-Stars Pierluigi Collina in aller Abgeschiedenheit auf Brasilien ein. Die Übungseinheit am Freitag fand ohne Öffentlichkeit statt, das Abschlusstraining am Samstag darf von den Medien nur die ersten 15 Minuten beobachtet werden. Am Sonntag aber sollen 70 000 im Stadion und Mrd. an den Fernsehschirmen den neuen Weltmeister sehen - Deutschland.

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