"Riesiger Schmelztiegel"
Weltwirtschaftsforum tagt in New York

Zum ersten Mal seit 31 Jahren findet das Weltwirtschaftsforum WEF nicht im Schweizer Davos sondern in New York statt. Aus Solidarität zu New York, wo am 11. September mehr als 3 000 Menschen bei Anschlägen mit entführten Passagierflugzeugen starben, finde das Forum dieses Jahr dort statt, sagte der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab am Mittwoch.

Reuters NEW YORK. Zur Bedeutung der Globalisierung nach dem 11. September wird Bundeskanzler Gerhard Schröder am Freitag eine Rede vor dem Forum halten. Fünf Tage sollen unter anderem die Vorstandsvorsitzenden der weltweit größten Firmen, Regierungschefs und Finanzminister sowie Nobelpreisträger und Geistliche Gedanken austauschen.

Schwab nannte die Entscheidung für New York als "die richtige Entscheidung für den richtigen Tagungsort zu richtigen Zeit". Die Teilnehmer kämen, um "in einer Art riesigen Schmelztiegel" Ideen zu sammeln, um zu lernen, um Ideen hervorzubringen. Schwab hatte das Weltwirtschaftsforum 1971 gegründet, damit Gewerkschaftschefs, Politiker und Unternehmer miteinander in Kontakt kommen könnten. Zudem sollte sich Europa damit gegen die industrielle Macht der USA behaupten können.

Neben Bundeskanzler Schröder sollen nach Angaben der Bundesregierung auch Bundesinnenminister Otto Schily, Bundesfinanzminister Hans Eichel sowie der Staatsekretär im Bundesfinanzministerium, Caio Koch-Weser, am WEF teilnehmen. Schröders Ziel ist es nach Angaben der Bundesregierung, nach den Anschlägen vom 11. September einen Beitrag zum Dialog der Kulturen zu leisten und die Chancen der globalen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung auszuloten.

Das diesjährige Weltwirtschaftsforum wird unter besonderer Beobachtung stehen, da der weltweite Aktienmarkt alles andere als heiter aussieht. Zudem hat die unternehmerische Macht der USA an Selbstvertrauen verloren, seitdem Industriegrößen wie Bethlehem Steel, Enron und Kmart Corp. unter Gläubigerschutz arbeiten. Es wird erwartet, dass die Deutsche Bank und der Automobilhersteller BMW mit großer Präsenz vertreten sein werden. Die Deutsche Bank gilt als potenzieller Käufer von US-Vermögenswerten und ihr Vorstandssprecher Rolf Breuer wird diese Woche zweifellos von Investment-Bankern sorgfältig beobachtet werden.

"Führung in unsicheren Zeiten"

Das Motto des diesjährigen Treffen im Hotel Waldorf Astoria lautet "Führung in unsicheren Zeiten". Darüber wollen sich rund 3 000 Teilnehmer austauschen. Offiziell stehen Fragen zur Sicherheit der zivilen Gesellschaft und zur Verständigung der Kulturen ganz oben auf der Tagesordnung. Zudem sind Sitzungen zum weltweiten wirtschaftlichen Abschwung und hohen Arbeitslosigkeit, zur Kluft zwischen Arm und Reich sowie zur unternehmerischen Verantwortung angesetzt.

Doch eigentlich ginge es beim Weltwirtschaftsforum darum, Kontakte zu knüpfen, sagt John Gutfreund von der US-Anlagebank Unterberg and Towbin. Vergangenes Jahr beispielsweise handelten Finanzinvestor George Soros und CNN-Gründer Ted Turner eine Beteiligung an Turners Gebot für den Kauf eines russischen Fernsehsenders aus: Soros erklärte sich bereit, das Gebot mit 300 Mill. $ zu unterstützen. "Viele Geschäftsideen entwickeln sich bei diesem Treffen", sagt Joanna Gallanter, Gründerin von Venture Strategy Partners. Gallanter, ehemals als Unternehmerin im Silicon Valley tätig, arbeitet inzwischen an einem Projekt in Nigeria. Die Idee dafür entstand bei dem WEF-Treffen vergangenes Jahr.

Wie vergangenes Jahr in Davos haben sich auch dieses Jahr Demonstranten angekündigt. Die New Yorker Polizei hat bereits geprobt, wie sich etwa Menschenketten aufbrechen lassen und wie Angriffe auf Autokolonnen vermieden werden können. Die Allianz "Another World Possible" (Eine andere Welt möglich) hat rund 80 Gruppen zu Demonstrationen beim WEF-Treffen aufgerufen. Im vergangenen Jahr setzte die Polizei in Davos Wasserwerfer gegen rund 1 000 Demonstranten ein.

Wieviel in New York letztlich erreicht wird, bleibt für einige aber fraglich. Die Schweiz eigne sich besser als New York als Tagungsort, sagt Gutfreund. "In New York gibt es zu viele Kneipen und Shows."

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