Risiko Irak-Krieg – Export ist einzige Hoffnung
Deutschland droht neue Rezession

Für die deutsche Wirtschaft wird 2003 das dritte verlorene Jahr in Folge. Immer mehr Volkswirte sehen das Land derzeit am Rande eines neuen Abschwungs und stellen auch die erhoffe Belebung im zweiten Halbjahr in Frage.

HB DÜSSELDORF. Lange hat Holger Fahrinkrug an seinen Prognosemodellen für die deutsche Konjunktur gefeilt. Den Ergebnissen all seiner mathematischen Formeln traut der Deutschland- Experte der Investmentbank UBS Warburg in diesen Tagen dennoch nicht ganz über den Weg: "Die Modelle sagen mir, dass Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2003 wieder ein wenig Wachstum bekommt." Aus heutiger Sicht falle es schwer, das zu glauben. "Ich sehe da draußen einfach nichts, was uns in Richtung Erholung bringt", sagt Fahrinkrug.

Selten zuvor waren die wirtschaftlichen Perspektiven in Deutschland so wackelig wie um den Jahreswechsel 2002/2003. "Die konjunkturelle Situation ist völlig untypisch - so etwas haben wir noch nicht erlebt", sagt Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB. Nach zwei wirtschaftlich enttäuschenden Jahren in Folge haben etliche Ökonomen einfach ein ungutes Gefühl: "Ich zweifele sehr an dem Aufschwung, den viele für die zweite Jahreshälfte prognostizieren", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank.

Einzig die "Bild"-Zeitung hält wacker die Fahne der Optimisten hoch: "Nächstes Jahr geht?s endlich aufwärts!", behauptete das Blatt pünktlich zu Weihnachten auf seiner Titelseite. Wichtigster Kronzeuge für diese steile These war indes kein Konjunktur-Experte, sondern der Unternehmensberater Roland Berger.

Ökonomen dagegen haben in den vergangenen Wochen durch die Bank den Daumen gesenkt - die meisten taxieren das deutsche Wachstum 2003 nur noch auf 0,6 bis 1,1 %. Noch im Oktober hatte das Herbstgutachten immerhin 1,4 % vorhergesagt. Elga Bartsch von Morgan Stanley hält selbst 0,5 % für ambitioniert: "Deutschland wird es schwer haben, solch ein Wachstum zu erreichen."

Erstes Halbjahr haben selbst Optimisten abgeschrieben

Das erste Halbjahr haben selbst die Optimisten abgeschrieben - und prognostizieren bestenfalls Stagnation. Immer mehr befürchten sogar das Schlimmste: Einen neuen Abschwung. "Mit Beginn des Winters steht Deutschland am Rande einer zweiten Rezession", sagt Holger Schmieding von der Bank of America. Dieses "Double-Dip"-Szenario hält auch Elga Bartsch für immer wahrscheinlicher. Und Wolfgang Franz, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), sagt: "Es steht fünfzig zu fünfzig, dass es zu einer neuen Rezession kommt."

Der Schuldige dafür steht für die Experten schon heute fest: Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Privatleuten wie Unternehmen über höhere Steuern und Sozialabgaben deutlich mehr Geld aus der Tasche zieht. Allein die steigenden Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit insgesamt 12 Mrd. Euro pro Jahr - stolze 0,6 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP), so UBS-Mann Fahrinkrug. Und die Steuererhöhungen kommen noch oben drauf. Fahrinkrug schätzt diese Belastung auf weitere 0,2 % des BIP. Volkswirte schließen daher zu Jahresbeginn einen Kollaps beim privaten Verbrauch nicht aus. "Es kann gut sein, dass es im ersten Quartal zu einem Konsum-Schock kommt", sagt Joachim Scheide, Konjunktur-Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Auch danach dürfte die Binnenwirtschaft nicht wirklich in Schwung kommen. Wenn überhaupt, dann bringe 2003 wieder nur das Exportgeschäft die Konjunktur nach vorne. "Wir bekommen eine immer exportlastigere Wirtschaft", sagt Hüfner von der Hypo-Vereinsbank.

Das macht Deutschland immer anfälliger für weltwirtschaftliche Turbulenzen. Kommt es zum Krieg im Irak, dürfte dieser die heimische Wirtschaft in den Abgrund schubsen - wenn die Ölpreise dauerhaft in die Höhe schießen, die Aktienmärkte erneut einbrechen und Verbraucher wie Unternehmen völlig verunsichert sind.

Etwas Phantasie ...

Mit etwas Phantasie ist aber auch ein anderes Irak-Szenario denkbar: Wenn die USA einen Krieg rasch für sich entscheiden, könnte der Ölpreis wie ein Stein zu Boden fallen und die Börsen boomen. Die Weltwirtschaft würde durchstarten, selbst Deutschland "könnte sich dann einer Erholung nicht mehr entziehen", sagt Hombrecher. Wachstumsraten von 1,5 % wären durchaus möglich.

Paradox ist: Manche Ökonomen hoffen insgeheim, dass es so gerade nicht kommt. "Das mag zynisch klingen", sagt ein Bankvolkswirt, "aber das Schlimmste, was Deutschland langfristig passieren kann, ist ein deutlicher Aufschwung der Weltwirtschaft." Denn die auf Dauer unumgänglichen Strukturreformen würden dann wieder einmal vertagt. "Die kommen nur, wenn es richtig weh tut", meint auch Jürgen Michels von der Citigroup.

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