Risiko weiterer Abschreibungen in Milliardenhöhe
AOL Time Warner vor neuen Problemen

Angebliche Insidergeschäfte, mögliche höhere Abschreibungen und fragliche Geschäfte mit dem Telekomriesen Worldcom machen dem New Yorker Medienkonzern AOL Time Warner zu schaffen. Die Aktie gibt kräftig nach.

HB NEW YORK. Gerade hatte sich der angeschlagene Aktienkurs von AOL Time Warner etwas erholt, da prasseln die nächsten negativen Nachrichten auf den New Yorker Medienkonzern ein. Nach Zeitungsberichten weitet die US-Börsenaufsicht, die Securities and Exchange Commission (SEC), ihre Untersuchungen bei dem weltgrößten Medienkonzern auf Insidergeschäfte aus. Außerdem, berichtet das Wall Street Journal, könnten auf das Unternehmen in diesem Jahr weitere Abschreibungen in Höhe von 10 Milliarden $ zukommen. Und Fehlbuchungen von Werbeumsätzen in zweistelliger Millionenhöhe sollen nun mit dem durch Bilanzskandale erschütterten Telekom-Konzern Worldcom im Zusammenhang stehen. Die AOL-Aktie reagierte auf die schlechten Nachrichten zum Wochenende mit einem Minus von knapp 9 %.

Die SEC, die derzeit Unregelmäßigkeiten bei der Onlinesparte des weltgrößten Medienkonzerns untersucht, prüft, ob Aktienverkäufe von 15 Top-Managern und ihre positiven Aussagen über die Zukunft des Unternehmens im zeitlichen Zusammenhang stehen. Die Manager, unter ihnen auch der Chairman Steve Case und der Vorstandsvorsitzende Dick Parsons, hatten sich lange optimistisch gegenüber den Investoren geäußert, allerdings selbst eine erhebliche Anzahl von Aktien in der fraglichen Zeit verkauft. Durch ihre Aktienverkäufe haben die 15 Manager zwischen Februar und Juni des vergangenen Jahres insgesamt rund 500 Millionen $ kassiert.

Nur wenige Monate später, im September 2001, hatte das Management seine aggressive Wachstumsprognose aufgegeben, das es nach der Übernahme von Time Warner durch AOL im Januar noch verteidigt hatte. Damit verlor das Unternehmen an der Wall Street deutlich an Glaubwürdigkeit. Denn viele Konkurrenten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Prognosen wegen der Werbeflaute längst nach unten geschraubt.

Der ehemalige SEC-Ermittler Jacob Frenkel bezeichnete eine Untersuchung möglicher Insidergeschäfte als eine "absolut logische" Folge der bisherigen Ermittlungen. Ein Sprecher von AOL Time Warner sagte dazu lediglich, man werde sich nicht zu jeder einzelnen Frage innerhalb der Untersuchungen äußern.

Sollte die SEC einige Top-Manager für schuldig befinden, käme das auch jenen Investoren entgegen, die eine Sammelklage eingereicht haben. Sie werfen den Top-Managern vor, falsche und irreführende Erklärungen über den Umsatz seit dem dritten Quartal 2000 gemacht und sich selbst durch Aktienverkäufe bereichert zu haben. Namentlich nennt sie den früheren AOL Time Warner Chief Operarting Officer Robert Pittman, der im Juli zurückgetreten war, und David Colburn, der vergangene Woche das Unternehmen verlassen hat.

Außer den Insidergeschäften machen den Investoren nun auch potenzielle neue Abschreibungen Sorge: Das Wall Street Journal berichtet, dass auf den Medienkonzern in diesem Jahr weitere Abschreibungen von 10 Mrd. $ zukommen könnten. AOL Time Warner, wozu außer dem Internetdienst AOL auch die Time Warner-Verlage und-Filmstudios, der Nachrichtensender CNN und verschiedene Kabelkanäle gehören, hatte bereits im ersten Quartal einen Negativrekord aufgestellt, als insgesamt 54 Mrd. $ für Goodwill abgeschrieben wurden. Goodwill ist die Differenz zwischen einem Preis, der beim Kauf bezahlt wird und dem tatsächlichen Wert. Der Finanzvorstand von AOL, Wayne Pace, erklärte, es sei noch zu früh, um über weitere Abschreibungen zu entscheiden.

Doch damit nicht genug: Im Zusammenhang mit falsch gebuchten Umsätzen in Höhe von 49 Millionen $ kommt nun mit Worldcom ein Name ins Spiel, der dem Image des Medienkonzerns weiter schaden kann. AOL hatte bereits vor anderthalb Wochen eingeräumt, dass es in den vergangenen sechs Monaten 49 Millionen $ Werbeumsätze zu viel verbucht hat. Es war jedoch nur klar, dass drei Unternehmen davon betroffen seien. Nach Medienberichten sollen komplizierte Tauschgeschäfte mit Worldcom und Qwest dahinter stehen. In so genannten "Roundtrip"-Buchungen sollen die Unternehmen Umsätze hin und her gebucht haben, um gegenseitig ihre Bilanz aufzubessern.

Quelle: Handelsblatt

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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