Risikomanagement beim Stromhandel
Elektronischer Energiehandel mit System

Wer mit Elektronen handeln will, der muss sich darüber im Klaren sein, dass nur ausgefeilte Software-Systeme die Transaktionen überschaubar machen. Ohne eine optimale IT-Unterstützung für den Energiehandel könnte der Deal mit Kilowattstunden mehr Risiken als Vorteile bieten.

DÜSSELDORF. Liberalisierte Energiemärkte eröffnen durch die Schwankungen des Marktpreises Chancen für risikobewusste Marktteilnehmer. Gleichzeitig wird aber auch der Einsatz von Absicherungsstrategien nötig. Die Einführung von börsengehandelten Strom-Futurekontrakten führt den Markt in ein fortgeschrittenes Stadium der Entwicklung. Der finanzielle Handel wird in Zukunft im Volumen den physischen Handel übertreffen.

Vielen Marktteilnehmern sind die sich daraus ergebenden Anforderungen an ein effektives Risikomanagement noch nicht vollständig bewusst. Ein erfolgreicher Handel lebt von der Erfassung und bedarfsgerechten Aufbereitung von Informationen und den daraus abgeleiteten Markteinschätzungen. Diese Anforderungen können immer weniger mit Eigenlösungen auf Basis von Office-Software abgebildet werden. Um im Markt erfolgreich zu sein, ist künftig eine geeignete IT-Unterstützung für den Energiehandel unerlässlich. Die dafür angebotenen Systeme werden als ETRM(Energy Trading and Risk Management)-Software bezeichnet.

Die ETRM-Anbieter haben mit der zunehmenden Reife der Märkte ihre Produkte konsequent weiterentwickelt. Zum einen lässt sich damit heute die Logik der physischen Welt, wie z.B. die Folgen der Verbändevereinbarung II, abbilden. Zum anderen wird die virtuelle Welt der Derivate mit der physischen verbunden und bewertet. Damit sind am Markt leistungsfähige Systeme verfügbar, die den Markterfordernissen weitgehend gerecht werden.

Dies sind vorwiegend integrierte Systeme, die alle Funktionen des Energiehandels abdecken. Schnittstellen zu Vertrieb, Kraftwerkseinsatzplanung, Börsen und dem ERP(Enterprise Resource Planning)-System des Unternehmens sollten dabei flexibel realisierbar sein. Grundsätzlich ist die Eignung von bestimmten Systemen stark von den Anforderungen des jeweiligen Energiehandelsunternehmens abhängig. Diese ergeben sich insbesondere aus den strategischen Vorgaben und den zu unterstützenden Prozessen und Schnittstellen.

Die führenden Händler sind dabei, ihre "alten" Systeme vom Beginn der Liberalisierung entweder abzulösen oder weiterzuentwickeln. Vor allem die kleineren Marktteilnehmer stehen beim Ersatz ihrer Eigenlösungen, die meist auf Tabellenkalkulations-Software basieren, vor einem Zielkonflikt. Die Anforderungen des Marktes sind für jeden Handelsteilnehmer gleich: Das ETRM-System eines Stadtwerks muss für die gehandelten Produkte und insbesondere das Risikomanagement die gleichen professionellen Funktionen aufweisen wie für den "Market-Maker".

Ansonsten ist mittelfristig seine Positionierung als Handelsmarktteilnehmer nicht haltbar - steht doch letztlich die Unabhängigkeit bei der Energiebeschaffung und der Optimierung des eigenen Portfolios auf dem Spiel. Dem entgegen stehen die wirtschaftlichen Möglichkeiten der kleineren Marktteilnehmer, für die der Aufwand für Auswahl, Konfiguration und Implementierung eines professionellen ETRM-Systems in keinem ökonomisch sinnvollen Verhältnis zu den im Handelsgeschäft getätigten Umsätzen steht.

Lösen lässt sich dieser Zielkonflikt über innovative Betreibermodelle wie ASP (Application Service Providing). Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Einführung eines eigenen ETRM-Systems nur für Handelsabteilungen in der Größenordnung von mehr als zehn Anwendern und Handelsvolumina über zehn Terawattstunden (TWh) wirtschaftlich ist. Bei einer ASP-Lösung wird dem Energiehändler ein standardisiertes, auf die Bedürfnisse der Kundengruppe und des Marktes (z.B. deutscher Handelsmarkt mit abgebildeter VV II) zugeschnittenes und vorkonfiguriertes System zur Nutzung zur Verfügung gestellt. Der Energiehändler greift auf die geschützte Applikation über das Internet zurück und kann somit die erforderlichen Funktionen des Systems vom Front-Office bis zum Risikocontrolling und Reporting nutzen. Die Nutzungskosten liegen unter denen einer eigenen Installation.

Derzeit ist der ASP-Markt noch im Entstehen. Zu erwarten ist jedoch, dass in den nächsten Monaten auch kleinere Marktteilnehmer professionelle ETRM-Systeme über ASP nutzen und sich somit im Handelsmarkt etablieren können. Entscheidend hierfür wird die Qualität der Dienstleistung sein, die die ASP-Provider anbieten.

Diese ist abhängig vom verwendeten System, von Umfang und Relevanz der Standardkonfiguration, von der intelligenten Abbildung des Marktes, von der Sicherheit der Daten und nicht zuletzt von der Performance. Wenn es den ASP-Providern gelingt, mit ihren Lösungen eine echte Alternative zum Risikofaktor Eigenlösung oder dem gänzlichen Verzicht auf ein System anzubieten, können sie einen echten Mehrwert für handelnde Unternehmen generieren. Letztendlich wird es einer bestimmten Gruppe von Marktteilnehmern durch solche Lösungen erst möglich, mit dem Markt erwachsen zu werden, ohne dabei ein zu großes wirtschaftliches Risiko eingehen zu müssen. Handel und Beschaffungsmanagement mit System wird für diese Unternehmen zu einer echten Chance.

Philipp Scheib und Olaf Remmler sind Consultants bei der PricewaterhouseCoopers Unternehmensberatung GmbH, Hamburg.

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