Risikosteigerung durch zunehmende Schadensfälle und Gesetzesänderungen
Produkthaftungspolicen werden teurer

Die deutsche Versicherungsbranche rechnet damit, dass sich die Prämien für Produkthaftpflichtversicherungen deutlich erhöhen. Bei diesen Policen muss ein Versicherer zahlen, wenn durch ein fehlerhaftes Produkt seines Kunden ein Sach- oder Personenschaden bei Dritten entsteht.

DÜSSELDORF. Als Grund für die erwartete Verteuerung werden zunehmende Schadensfälle, Gesetzesänderungen, aber auch potenziell teure Produkthaftungsprozesse in den USA genannt. Mehr als tausend Schadensersatzklagen gegen den Leverkusener Pharma-Konzern Bayer haben Lipobay-Geschädigte inzwischen bei amerikanischen Gerichten eingereicht. Bayer hatte das cholesterinsenkende Mittel im vergangenen Jahr vom Markt genommen, nachdem mehrere Todesfälle nach der Einnahme von Lipobay bekannt geworden waren.

Wieviel Geld die Geschädigten verlangen, ist nach Auskunft des Konzerns nicht bekannt - nach amerikanischem Prozessrecht müssen die Klageforderungen nicht beziffert werden. Dennoch dürften die Klagen beim Pharmakonzern und in der Versicherungsbranche für Unruhe sorgen, denn in den USA wird gerade bei Produkthaftungsfällen nicht selten über den Schadensersatz hinaus eine Strafe verhängt - so genannte "punitive damages" -, die astronomische Höhen erreichen können. Bayer hat nach Auskunft einer Konzernsprecherin einen "weltweit gültigen Produkthaftpflichtversicherungsschutz". Ob der auch "punitive damages" absichert, ließ die Sprecherin allerdings offen.

"Dieses Risiko wird künftig bei den meisten Policen ausgeschlossen werden", sagt Thomas Wollstein von der Münchener Rück. Fritz Reger, Leiter der Haftpflicht-Abteilung bei der Allianz in München, berichtet, dass bei Unternehmen, die ihre Produkte in die USA exportieren, eine "Verzehnfachung der Prämie als Risikozuschlag keine Seltenheit" ist. Auch in Deutschland stellt sich die Versicherungsbranche auf mehr und teurere Schäden aus Produkthaftpflichtfällen ein. "Aufgrund der Verschärfung des Schadenersatzrechts und der Schuldrechtsmodernisierung ist eine erhöhte Schadensquote bereits jetzt absehbar", sagt Fritz Reger.

Höhere Haftungsgrenzen und neues Schadensersatzrecht

Ab August 2002 gelten höhere Haftungsgrenzen und neue Regeln im deutschen Schadensersatzrecht: Künftig gibt es beispielsweise einen allgemeinen Anspruch auf Schmerzensgeld unabhängig vom Verschulden. Bei Arzneimittelschäden wird die Beweisführung für die Patienten erleichtert: Wenn das Medikament geeignet ist, den Schaden zu verursachen, wird der Zusammenhang vermutet - den Gegenbeweis muss dann der Pharma-Hersteller antreten. Mit der Reform des Schuldrechts Anfang des Jahres wurde zudem die gesetzliche Gewährleistungsfrist für die Produkte selbst von sechs Monaten auf zwei Jahre verlängert. In den ersten sechs Monaten muss der Händler, letztlich also der Hersteller, beweisen, dass das Produkt beim Verkauf fehlerfrei war.

Auch die Münchener Rück rechnet mit einem erhöhten Schadenaufkommen in der Produkthaftpflichtversicherung. "Die Preise werden steigen, zumal die Prämien in diesem Segment bereits in der Vergangenheit nicht zur Deckung der Schäden gereicht haben", sagt Wollstein. Wie stark die Gesetzesänderungen auf die Schadensentwicklung durchschlagen, werden erst die nächsten zwei Jahre zeigen. Die Allianz habe ihre Schadensrückstellungen bereits "moderat erhöht", berichtet Reger.

Die Prämienerhöhungen werden vor allem die Pharma- und Chemieindustrie, Biotechunternehmen, Lebensmittelhersteller und Baustoffzulieferer treffen. Wegen der Gefahr teurer Rückrufaktionen zählt auch die Automobilbranche zu den Unternehmen mit potenziell hohem Schadensrisiko. Wenn eine Serie von Neuwagen wegen eines fehlerhaften Teils in die Werkstätten zurückgerufen wird, muss der verantwortliche Zulieferer des defekten Teils dafür gerade stehen. "Im Bereich Rückrufe sind als Folge Prämienerhöhungen von 50 bis 300 Prozent zu erwarten", sagt Wollstein. Bereits in den vergangenen sechs Jahren hat sich nach seinen Angaben die Schadensfrequenz bei den Automobilzulieferern um den Faktor vier erhöht. "Früher galten Rückrufe bei Automobilherstellern als rufschädigend. Heute sind sie Ausdruck eines erhöhten Sicherheitsbedürfnisses", sagt er.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%