Roachs Weltsicht
China ohne Strategie

Die Welt ist nicht auf eine Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums vorbereitet. Diesen Eindruck habe ich auf meiner letzten China-Reise gewonnen. Chinas Wirtschaft wäre kaum immun gegen einen globalen Unfall, der seinen Ursprung in Amerika hat.

Während das Jahr 2006 zu Ende geht, richtet sich das Hauptaugenmerk in China unverwandt auf die Herausforderungen im Inneren. Da der Aufschwung wirklich überall sichtbar ist und der von Erstemissionen getragene Aktienmarkt wieder Kurs auf die Höchststände von Anfang 2001 nimmt, ist die überschwängliche Stimmung im Land ungebrochen. Zwar deuten die monatlichen Konjunkturdaten auf eine Abkühlung hin. Darauf würde aber niemand kommen, der sich mit den Entscheidungsträgern in Peking trifft. Die chinesischen Verantwortlichen scheinen nur Lippenbekenntnisse abzulegen, wenn es darum geht, ein neues Gleichgewicht herzustellen, welches ich und andere Makro-Ökonomen fordern.

Ich fürchte, dass ein China, dessen Blick nach innen gerichtet ist, ungeschützt gegenüber den äußeren Entwicklungen stehen könnte. Zwei Möglichkeiten beunruhigen mich dabei; beide haben ihren Ausgangspunkt in Amerika: Die erste besteht in dem Risiko eines von der US-Regierung unterstützten Handelsprotektionismus. Dass es dazu kommen könnte, ist viel wahrscheinlicher geworden. Die zweite Möglichkeit wäre ein starker Abschwung der US-Wirtschaft – auf Chinas größtem Exportmarkt. Die wirtschaftlichen Bedingungen in den USA haben sich in den letzten Monaten deutlich verschlechtert. Das ist eine ernste Angelegenheit – nicht nur für China, sondern auch für andere exportabhängige Volkwirtschaften in Asien.

Rechnet man alles zusammen – Immobilien, Verbrauch, Investitionsausgaben und die nach oben revidierten Zahlen für den Aufbau der Lagerbestände im dritten Quartal 2006 –, dann wird klar, dass die US-Wirtschaft vielleicht kurz vor ihrer zweiten Rezession innerhalb von fünf Jahren steht. Von Peking ist das alles sehr weit weg. Und doch stellt sich eine der wichtigsten Fragen für China überhaupt: Was passiert, wenn die chinesische Wachstumsstrategie vom Protektionismus und einem plötzlichen Einbruch der US-Wirtschaft untergraben wird? Peking und die Welt sind darauf nicht vorbereitet.

gastautor@handelsblatt.com

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