Roachs Weltsicht
Die Schwäche der Japaner

Die Stimmung in Japan hat sich verändert. Als ich das letzte Mal vor sechs Monaten dort war, lag eindeutig Euphorie in der Luft. Die Menschen waren fest davon überzeugt, dass der lange Albtraum vorbei ist und sich die Deflation ihrem Ende nähert. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde endlich als dauerhaft empfunden. Heute ist ihre Sicht der Dinge vor allem aus zwei Gründen eher getrübt und irritiert:

Erstens fehlt es dem privaten Verbrauch in Japan an Schwung. Und zweitens ist das Land übermäßig stark von China abhängig.Der private Verbrauch fehlt als Bindeglied bei der Dynamik der gegenwärtigen wirtschaftlichen Erholung des Landes schon seit langem. Seit dem Einsetzen des Aufschwungs im ersten Quartal 2002 ist der Privatverbrauch nur um eine Jahresrate von durchschnittlich 1,6 Prozent gestiegen. Das liegt eindeutig unter dem Zuwachs des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,3 Prozent. Auch unter den jüngsten Konjunkturdaten finden sich hinsichtlich der Aussichten für den japanischen Verbrauch keine Anzeichen für eine umfassende Verbesserung. So hat sich der amtliche Quartalsindex für das Verbrauchervertrauen in den drei Monaten zum September-Ultimo 2006 im zweiten Quartal in Folge abgeschwächt – ein enttäuschender Rückfall nach einer Erholung Ende 2005 und Anfang 2006.

Diese Trends stimmen mit der überaus enttäuschenden Entwicklung der japanischen Löhne 2006 überein. Nachdem die Vergütung pro Mitarbeiter 2005 eine Steigerung von einem Prozent binnen Jahresfrist erreicht hatte, wurde dieses Wachstum im Verlauf dieses Jahres wieder auf lediglich plus 0,5 Prozent heruntergebremst.

Ein Japan, das kaum Unterstützung aus einer nachhaltigen Dynamik des Inlandsverbrauchs erfährt, ist per Definition abhängiger von Investitionen und der Nachfrage aus dem Ausland. Zusammen vereinen die USA und China derzeit volle 37 Prozent der gesamten japanischen Ausfuhren auf sich. Das ist bei weitem der größte und am höchsten konzentrierte Anteil an der Auslandsnachfrage Japans. Da die Aussichten für den amerikanischen Verbraucher und den chinesischen Produzenten nun aber zweifelhaft geworden sind, wird das fehlende Bindeglied in der japanischen Wirtschaft plötzlich immer mehr zum Problem.

gastautor@handelsblatt.com

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