Roachs Weltsicht
Dieses Mal ist es anders

Wir sind alle Gewohnheitsmenschen, die die Zeichen der Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft deuten. Aber schon lange verblüfft mich die Fehlerhaftigkeit des autoregressiven Denkens. Immer wieder ziehen wir die falschen Schlüsse aus den Mustern vergangener Zeitabschnitte. Jetzt ist es wieder so weit.

In gewisser Hinsicht befindet sich die Welt gerade mitten in einem sehr günstigen zyklischen Klima, einem bemerkenswert zuträglichen Inflationsklima. Da die normale Tendenz zu einer zyklischen Zunahme der Teuerung ausbleibt, scheint für die Notenbanken keine Veranlassung zu bestehen, die Notbremse zu ziehen. Die Marktteilnehmer schwimmen in Liquidität und werden von keinerlei Gewissensbissen geplagt, mehr und mehr Geld einzusetzen. Da die Hauptgefahr früherer Zyklen fehlt, so lautet das Argument, steht im gegenwärtigen Zyklus scheinbar wenig zu befürchten.

Doch dieses Mal ist es anders. Betrachten Sie die Globalisierung – die wichtigste, alles bestimmende Kraft in unserem Leben. Zum ersten Mal haben jetzt die machtvollen, deflationär ausgerichteten Kräfte der Globalisierung einen maßgeblichen Einfluss auf das Finale eines modernen Konjunkturzyklus. Betrachten Sie den von der Informationstechnologie ermöglichten technologischen Wandel. Zum ersten Mal haben jetzt revolutionäre Durchbrüche bei der Vernetzung und bei der Software-Programmierung die Endphase des Zyklus geformt. Betrachten Sie die immer stärker werdenden globalen Ungleichgewichte – eine Ungleichheit zwischen den Leistungsbilanzüberschüssen und den Defiziten, die die Rekordmarke von sechs Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts erreicht hat. Zum ersten Mal bedrohen jetzt Ungleichgewichte riesigen Ausmaßes die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte. Betrachten Sie auch die Kluft zwischen den Rekordrenditen aus Kapitalanlagen und der stark gesunkenen Entlohnung der Erwerbstätigen in den Industrieländern. Es ist schon lange her, seit die potenziellen gesellschaftlichen und politischen Folgen solcher Spannungen eine Rolle gespielt haben.

Der springende Punkt ist: Es ergibt überhaupt keinen Sinn, die wirklich einzigartigen Charakteristika des derzeitigen Klimas zu ignorieren. Wer dies dennoch tut, begibt sich damit meiner Meinung nach in große Gefahr.

Stephen Roach ist Chefvolkswirt bei Morgan Stanley

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