Roachs Weltsicht: Neue Wälle

Roachs Weltsicht
Neue Wälle

Die reichen Länder sind schlecht auf die von der Informationstechnologie ermöglichte Globalisierung vorbereitet. Sie haben es versäumt, sich der Herausforderung bewusst zu werden, die sich schnell um die halbe Welt herum aufgebaut und verdichtet hat.

DÜSSELDORF. In vielerlei Hinsicht haben die Länder der entwickelten Welt die Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit als selbstverständlich angesehen. Das gilt besonders für den Bereich Humankapital: Anfang der neunziger Jahre haben Amerika, Europa und Japan die meisten Hochschulabsolventen in den Naturwissenschaften und im Maschinenbau hervorgebracht. Nun sind China und Indien vorgeprescht. Zudem haben die USA das Problem dadurch verschärft, dass sie ihre auf dem Einkommen basierenden Ersparnisse auf Rekordtiefstände heruntergefahren haben. Dies hat zu immer größer werdenden Handelsdefiziten und einem besonders ausgeprägten bilateralen Ungleichgewicht mit China geführt.

Damit sind neue Ängste um die Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit in der industrialisierten Welt entfacht worden. Diese wiederum haben dazu geführt, dass sich der politische Wind dreht. Das Pendel der Macht schwingt jetzt von der für das Kapital eintretenden Rechten zur arbeitnehmerfreundlichen Linken. Die weitere Liberalisierung des Welthandels – wie von der so genannten Doha-Runde gefordert – ist gefährdet, und die von Washington geschürten Ressentiments gegen China gewinnen an Boden.

Was können wir tun, um diese Risiken abzumildern? In der industrialisierten Welt wird die Notwendigkeit, in Humankapital zu investieren und die Bildungsreformen weiterzuführen, immer dringender. Die USA müssen ihre Probleme mit der Sparquote in den Griff kriegen. Die Entwicklungsländer müssen rigoros durchgreifen, wenn es um Übergriffe gegen den Schutz intellektueller Eigentumsrechte geht. Es hat die Entwicklungsländer viel Mut und Entschlossenheit gekostet, ihre Reformen voranzutreiben. Und gerade dann, wenn die aufstrebenden Volkswirtschaften zum ersten Mal Nutzen aus dieser Strategie ziehen könnten, dreht eine schlecht vorbereitete industrialisierte Welt den Spieß um und droht damit, auf ihrer Seite neue Wälle aufzuschütten. Eine solche Scheinheiligkeit könnte die eigentliche Tragödie dieser Globalisierung sein.

gastautor@handelsblatt.com

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