Roachs Weltsicht
Verblüffende Asymmetrie

Welch großartige Manifestation der erstaunlichen Erfolge der Globalisierung: Seit vier Jahren wächst die globale Wirtschaft so stark wie seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr. Zudem hat der grenzüberschreitende Handel in diesem Jahr, gemessen an seinem Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt, zum ersten Mal überhaupt die Schwelle von 30 Prozent überschritten.

Andererseits mehren sich beunruhigende Signale. Denn der Nutzen der Globalisierung ist verblüffend asymmetrisch verteilt. Während sich der Lebensstandard in vielen Teilen der sich entwickelnden Welt verbessert hat, sehen sich die reichen Länder der industrialisierten Welt ganz neuen Herausforderungen und Belastungen ausgesetzt. Besonders bemerkenswert ist dabei der außerordentliche Druck auf die Arbeitseinkommen in den Industrieländern.

Diese Asymmetrie hat sehr wichtige Folgen. In alten Zeiten – als die Arbeitnehmerseite und die Gewerkschaften tatsächlich noch Verhandlungsmacht besaßen – wäre der momentane Druck auf die Arbeitseinkommen in den Industrienationen ohne Zweifel in irgendeiner Form eines „Gegenschlags der Arbeiter“ eskaliert. In der immer stärker globalisierten Welt von heute haben die Arbeitnehmer diese Macht nicht mehr – ihre gewählten politischen Vertreter dagegen ganz sicher. Und die bedeutsame Verschiebung, die jüngst in der politischen Ausrichtung der Industrienationen eingetreten ist, lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Mehrheit verlagert sich von der für das Kapital stehenden Rechten zur arbeitnehmerfreundlichen Linken. Das ist nicht nur in den USA so, die Tendenz ist auch in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Japan und möglicherweise sogar in Australien offensichtlich.

Eigentlich geht es nur noch um das Ausmaß: Wie weit schwingt das Pendel von dem in den vergangenen 15 Jahren erreichten Grad der Globalisierung zurück? Und wie weit bewegt es sich in den kommenden Jahren weiter in Richtung auf eine Rückbesinnung auf das Regionale? Der neue Trend wird auf jeden Fall eher von den Eigeninteressen der Nationalstaaten dominiert. Die Antwort darauf liegt beim Staatswesen. Die Konsequenzen – darunter die zunehmenden Risiken des Protektionismus, der Inflation, steigender Zinsen und der erneuten staatlichen Regulierung –, müssen die Volkswirtschaften und die Finanzmärkte tragen.

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