Rodney Aldridge ist Chef von Capita
Als Buhmann der Nation zum Millionär

Sein Unternehmen Capita sorgt dafür, dass die City-Maut in London gut funktioniert. Dafür erntet Aldridge viel Lob - was er ganz und gar nicht gewohnt ist.

LONDON. Der Autofahrerschreck kommt im blauen Mercedes 600 S daher. Wenn Rod Aldridge wie an diesem strahlenden Frühlingsmorgen in seiner Limousine durch London fährt, kann er seinen Erfolg so richtig genießen. Noch vor wenigen Monaten wäre er in einer Blechlawine und im Dieselgestank stecken geblieben. Heute rollt der Verkehr durch die britische Hauptstadt einigermaßen normal.

Das liegt zunächst am Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der seit Februar für jede Autofahrt in die City fünf Pfund (sieben Euro) kassiert. Doch das liegt auch an dem 55-jährigen Aldridge. Seine Firma Capita sorgt dafür, dass das System mit 700 Kameras, Datenüberwachung sowie einem kompletten Abrechnungssystem auch reibungslos funktioniert.

Täglich zahlen rund 100 000 Autofahrer den neuen Stadtzoll. Sogar die Londoner Taxifahrer - sonst eher notorische Krittler - sehen das neue System als Vorteil für ihr Geschäft. Die Wut über die "Zolleintreiber" ist weitgehend verflogen, Aldridge verunsichert so viel Lob. "Ich bin gar nicht gewohnt, Beifall zu bekommen", sagt er sichtlich stolz. Dabei wirkt der Bärentyp auf dem Büro-Sofa beinahe verlegen.

Bislang hatte der Capita-Chef vor allem eine Rolle - als Buhmann der Nation. Wie im vergangenen Jahr, als nach den Sommerferien fast einige Schulen dicht blieben, da die Überprüfung von neuen Lehrkräften auf mögliche Vorstrafen nicht rechtzeitig fertig war. Den Job hatte Capita von der Regierung übernommen. "Oh, das hat für Schlagzeilen gesorgt", seufzt Aldridge.

Seine Firma organisiere nun einmal im Namen anderer sehr "schwierige Dinge", sagt Aldridge - vom Eintreiben der TV-Gebühr für die BBC bis zum Strafzettel-Versand beim Stadtzoll. "Natürlich zahlt keiner gerne", weiß Aldridge, woher die Wut kommt. Wenn etwas schief laufe, würden darum sofort alle auf seine Firma eindreschen. Zu Unrecht, denn oft sei Capita nur der Organisator mangelhafter Vorgaben.

Wenn es gut läuft wie bei der City-Maut spricht kaum jemand über Capita. So badet Aldridge keineswegs im Erfolg. Er sei nur Chef einer grauen Maus im FTSE-100-Index, sagt er und hebt abwehrend die Hände, als wolle er jeden Rummel zurückweisen. Von Siegerpose keine Spur.

Dabei ist das Unternehmen ein echter Aufsteiger, legt seit Jahren ein Drittel bei Gewinn und Umsatz zu. Im April wurde Capita dafür sogar zur besten Jobmaschine im Land gekrönt. Aldridge hat in dem Wettbewerb so bunte Business-Vögel wie Easyjet-Gründer Stelios Haji-Ioannou ausgestochen. Er gehört nun zum Club der Vorzeigemanager wie etwa Tesco-Chef Terry Leahy.

Capita habe noch reichlich Zukunftspotenzial, uretilte die Jury. Darauf setzt auch der bullige Firmenchef. "Das Transportmanagement ist für Städte eine besonders schwierige Sache", sagt er und streicht seine grauen Haare nach hinten. In Großbritannien haben immerhin schon 35 Städte angeklopft.

Ein ähnlich lukrativer Vertrag ist das Eintreiben der TV-Gebühren für die BBC - das bringt 500 Millionen Pfund über zehn Jahre. In vielen Gemeinden kümmert sich Capita zudem um die Gemeindesteuer. Auch die Abwicklung von Hausratsschäden gehört zum Geschäft. Fast jeder britische Haushalt hat so täglich mit Capita zu tun - meist ohne dies zu merken.

Bereits als 37-Jähriger hatte Aldridge den Trend um Outsourcing als Geschäft erkannt. Zumal Anfang der achtziger Jahre im öffentlichen Bereich der Computer noch kaum im Einsatz war. So übernahm er mit drei Kollegen 1987 einen PC-Service seines Arbeitgebers, den er zwei Jahre später als Capita an die Börse brachte. Damals hatte Aldridge vier Großkunden und 33 Mitarbeiter. 2003 beschäftigt er 17 000 Leute, und Capita wird erstmals mehr als eine Milliarde Pfund Umsatz machen.

Der Firmengründer selbst hat ganze 24 000 Pfund Eigenkapital aufs Spiel gesetzt. Das Geld beschaffte er sich kurz nach der Geburt seines vierten Kindes auf Pump - über eine Aufstockung seiner Eigenheim-Hypothek. Zum Börsengang zwei Jahre später war Capita bereits acht Millionen Pfund wert. Und trotz IT-Crash und Aktienflaute kommt das Unternehmen heute noch auf einen Wert von rund 1,6 Milliarden Pfund.

Aldridge ist mit Capita reich geworden: Sein Vermögen wird auf rund 45 Millionen Pfund (rund 70 Mill. Euro) geschätzt. Laut "Times" ist er reicher als Popsänger Van Morrison oder Supermodel Claudia Schiffer. Dem Metallarbeitersohn aus Brighton gehören heute eine millionenteure Wohnung in London und ein nettes Anwesen in Sussex.

Doch seine Herkunft hat Aldridge nie vergessen. Vielleicht zieren darum weder Prunk-Schreibtisch noch teure Gemälde sein Büro. Die Niederlage vor seinen Eltern, als er mit 16 Jahren die Schule nicht schaffte, sei stets sein Ansporn gewesen, sagt der Manager. Das lässt ihn nicht los.

Aufsteiger Aldridge ist heute auch Organisator im The Prince?s Trust - ganz privat. Dort hilft er Kindern, die von der Schule geflogen sind. So wie einst der junge Rod aus Brighton.

VITA

Rodney Aldridge wurde am 7. November 1947 im südenglischen Badeort Brighton geboren. Der Sohn eines Metallarbeiters verpatzte jedoch mit 16 Jahren den Schulabschluss. Darauf arbeitete er für die regionale Verwaltung - zunächst als Postjunge. 1974 wechselte Aldridge nach London zum Chartered Institute of Public Finance and Accountancy (Cipfa). Dort gründete er als Managing Director 1984 einen Computerservice, den er 1987 im Management-Buyout mit Kollegen übernahm. Zwei Jahre später brachte er die Capita plc an die Börse. Die Firma organisiert heute zahlreiche öffentliche und private Aufgaben - von der TV-Gebühr über Lehrertests bis zur Abwicklung der neuen City-Maut in London. Rod Aldridge ist verheiratet und hat vier Kinder, mit denen er in Sussex lebt. Seine Hobbys sind "very British": Fußball, Kricket und Golf. Zudem ist der Manager aktiv im Industrieverband CBI.

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