Roger Holmes ist neuer Chef des Kaufhauskonzerns Marks & Spencer
Der Ingenieur träumt von Kleidern mit Mikrochips

Der Wechsel an der Spitze von Marks & Spencer vollzog sich leise - Holmes ist kein Freund von großen Worten. Doch er verschaffte dem krisengeschüttelten Konzern ein frisches Image.

LONODN. Der Schreibtisch von Roger Holmes ist stets aufgeräumt. Doch einen Brief hat der neue Chef von Marks & Spencer seit längerem immer griffbereit auf der polierten Platte liegen. Es sind die bitterbösen Zeilen einer wütenden Kundin, die sich über schlechte Ware, miesen Service und zu hohe Preise bei "M&S" beschwert.

Der Brief solle ihn stets daran erinnern, wie tief das britische Traditions-Kaufhaus vor noch gar nicht allzu langer Zeit in der Gunst gesunken war, sagt Holmes. Denn vor gut 20 Monaten, als er als Marketing-Director vom ebenfalls erst kurz zuvor angetretenen Chairman Luc Vandevelde zu dem Bekleidungshaus geholt worden war, steckte der Konzern Marks & Spencer in der tiefsten Krise seiner fast 120-jährigen Geschichte.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute bekommt Holmes wieder freundlichere Kundenpost. Der Konzern hat sich in überraschend kurzer Zeit ein frischeres Image verschafft und ist wieder auf dem Weg nach oben. Dank Holmes. "Roger war bei der Rettung einer der Hauptarchitekten", zollte ihm Vandevelde vor den Aktionären kürzlich höchstes Lob. Vandevelde hat den Posten des Chief Executive Officer (CEO) diesen Monat an Holmes abgegeben. Der zehn Jahre ältere Belgier wird ab Januar nur noch Teilzeit-Chairman sein.

Der Wechsel an der Spitze des Kaufhauses, immerhin einer der bekanntesten Markennamen im Königreich, hat sich erstaunlich leise vollzogen. Genau das ist die Handschrift des neuen Chefs. Der einstige Unternehmensberater ist kein Mann für große Worte oder gar öffentliche Emotionen. "Ich bin nicht der Typ, der schnell aus der Haut fährt", sagt der Manager über sich. Die "Times" nannte ihn schlicht den "stillen Überflieger".

Wie schon sein Mitstreiter Vandevelde passt auch Holmes gar nicht so recht in die bunte, schrille Fashion-Welt. Nach dem Studium zum Ingenieur war der Brite 1981 recht schnell in die Beraterbranche eingestiegen, zunächst bei Price Waterhouse in London, dann arbeitete er für Mc Kinsey. Dort kam er erstmals als Berater für den Kingfisher-Konzern mit dem Einzelhandel in Berührung. Kingfisher-Chef Geoff Mulcahy war von dem jungen Mann so angetan, dass er ihn 1994 zum Finanzchef des Heimwerkermarkts B & Q machte. Bald galt Holmes bei Europas größtem Baumarktriesen als Anwärter auf den Chefposten. Doch Mulcahy zögerte - zu lange. Als der krisengeschüttelte Konzern Marks & Spencer Ende 2000 bei Holmes anklopfte und mit dem späteren Chefsessel lockte, witterte der Manager mit 40 Jahren seine Chance.

Immerhin könne er wenigstens die Elektrik in den neuen M&S-Läden verkabeln, frotzelte damals ein Analyst über den Ex-Baumarkt-Mann, der keinerlei Bekleidungserfahrung mitbrachte. Doch gemeinsam mit Vandevelde, der ebenfalls zuvor nicht in der Modebranche tätig war, schafften die beiden, was viele kaum für möglich gehalten hatten: Sie holten M&S aus der Krise. Die Marke, der Ende der neunziger Jahre Kunden und Anleger den Rücken gekehrt hatten, ist wieder in.

Der neue Chef sieht für die Zukunft vor allem drei Aufgaben, die es zu bewältigen gilt: mehr Wachstum, mehr Technologie und weniger Rüschchen-Image. Ein neuer Werbevertrag mit Top-Fußballer David Beckham sorgt bereits für Lifestyle-Gefühl, das vor allem die Kundengruppe zwischen 35 und 45 Jahren ansprechen soll. Beim Wachstum will Holmes den Lebensmittel-Bereich ausbauen und setzt zudem auf zusätzlichen Umsatz durch Möbelverkauf und Finanzdienstleistungen.

Das Hauptgeschäft, Damenbekleidung, will der studierte Ingenieur mit Mikrochips revolutionieren. "Ich will die technologischen Vorteile nutzen", sagt er und träumt schon von Jacken mit eingebautem Handy und Radio. Zunächst will M&S in seine Bekleidung aber Chips als Verkaufshilfe einbauen. Kunden, die nicht auf dem neuesten Stand in Sachen Modefarben sind, bekommen dann in der Umkleidekabine vom Computer gesagt, ob die Farben zusammenpassen. Gerade in England, wo man es modisch eher schrill mag, eine echte Herausforderung.

Seinen Wechsel zu Marks & Spencer bereut Holmes nicht. "Ich weiß jetzt, dass ich den richtigen Job habe", sagt der frisch gebackene Chef. Die Zeit sei bislang die beste seiner beruflichen Karriere gewesen. Dass sich sein Jahresgehalt in diesem Monat auf einen Schlag um ein Viertel auf stolze 600 000 Pfund verbessert hat, hilft sicher dabei. Doch diesmal blieb der Protest der Aktionäre aus. Holmes bekommt kein kostenloses Luxus-Appartement in London, was die Investoren bei Vandevelde heftig kritisiert hatten.

Holmes mag es eben still. Er werde mit seiner Frau und den beiden Kindern in dem Landhaus in Surrey wohnen bleiben, sagt er. Dort kann sich der Fan flotter Autos seiner "Schwäche" widmen. Und die grüne Countryside ist zudem viel schöner als der M&S-Bunker in London. "Ich hasse das Gebäude und kann gar nicht abwarten, dass wir hier ausziehen", sagt Holmes - und packt seine Sachen auf dem Schreibtisch zusammen.

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V I T A

Roger Holmes wurde am 21. Januar 1960 geboren. Nach der Schule in Shropshire studierte er an der Bristol-Universität Maschinenbau. Nach dem Diplom stieg er 1981 in die Unternehmensberatung ein - zunächst bei Price Waterhouse, dann bei Mc Kinsey. 1994 wechselte er zum Kingfisher-Konzern, wo er zunächst Finanzchef bei der Baumarktkette B&Q wurde, im Anschluss Managing-Director bei Woolworth und schließlich zum Chef der Elektroladenkette Comet aufstieg. Der 42-jährige Familienvater mag Opern und flotte Autos.

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