Roger Lemerre in der Kritik
Der Kaiser ist "sprachlos"

Das erlebt man nicht alle Tage: Nach dem blamablen Ausscheiden der Franzosen fehlen selbst dem omnipräsenten Analytiker Franz Beckenbauer die Worte. Unterdessen wird in der Heimat des Ex-Titelverteidigers nach den Ursachen für die Pleite geforscht. Im Zentrum der Kritik: Nationalcoach Lemerre.

dpa SEOUL. Statt des erhofften Triumphzuges auf den Champs- Elysées ein überstürzter Rückflug vom Ort der größten Schmach: Nur 20 Stunden nach dem WM-Aus hoben Frankreichs gestürzte Weltmeister vom Flughafen in Incheon bei Seoul zur unfassbar frühen Heimreise ab. Selbst Franz Beckenbauer konnte die größte Pleite eines Titelverteidigers in der 72-jährigen WM-Historie nicht fassen: "Wir sind alle sprachlos und enttäuscht", sagte der "Kaiser" am Mittwoch.

"Wir haben zehn Jahre lang das Ausbildungssystem der Franzosen zu kopieren versucht. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das noch Sinn hat", meinte Beckenbauer. "Ich sage: selbstverständlich. Es ist das beste, was es gibt. Ich bin überzeugt, dass die Franzosen auf die Sonnenseite zurückkehren werden."

In Frankreich hagelte es dagegen harsche Kritik. "Das Ende der Ära war unwürdig für diese Mannschaft, für das Talent einiger ihrer Spieler und für den französischen Fußball", bilanzierte die Sportzeitung "L'Equipe". Vor allem Trainer Roger Lemerre erwartet ein schwerer Gang. Die Spekulationen über seinen Rücktritt hatten schon vor dem 0:2 gegen Dänemark in Incheon Hochkonjunktur. Nach einer schlaflosen Nacht in Seouls Sheraton Walker Hill Hotel sendete der Coach jedoch noch keine Signale von Amtsmüdigkeit aus.

Andere wurden deutlicher. "Das ist auch das Scheitern von Lemerre. Die Spieler wollen nichts mehr von ihm", kommentierte die Zeitung "Le Parisien" am Mittwoch. "Wir müssen die Schwachpunkte finden. Wir werden uns sowohl das Umfeld als auch die Spieler anschauen", kündigte der französische Verbandspräsident Claude Simonet an.

Noch unverblümter drückte sich Kapitän Marcel Desailly aus: "Die Kontinuität dieser Mannschaft hängt vom nächsten Trainer ab. Wenn jemand anders mit anderen Ansichten kommt, könnten sich die Dinge vielleicht entwickeln. Zwei oder drei Spieler müssen eventuell aussortiert werden." Und wohl auch der unflexible Lemerre: Angesichts eingesparter WM-Prämien wäre trotz der gerade erst erfolgten Vertragsverlängerung bis zur EM 2004 eine Abfindung kein Problem.

Ende August steht das erste Testspiel der neuen Saison gegen Tunesien an, am 7. September beginnt auf Zypern die EM-Qualifikation für den Europameister. Angesichts der weiteren, nicht gerade übermächtigen Kontrahenten Slowenien, Malta und Israel bestünde für einen neuen Trainer die Gelegenheit, bis zur EM-Endrunde 2004 in Portugal die Mannschaft zu verjüngen. "Ein Unentschieden und zwei Niederlagen zeigen klar, dass es einige Veränderungen geben muss, aber es ist noch zu früh, darüber zu reden", meinte der unglückliche Zinedine Zidane, der selbst in vier Jahren aufhören will.

"Einige müssen sich fragen, ob sie weitermachen wollen. Das war einfach nicht gut genug", meinte Laurent Blanc, Abwehrchef der Weltmeister-Elf von 1998. Neben der fehlenden körperlichen Frische nach einer langen Saison überschätzte die hoch gehandelte Mannschaft offenbar auch ihre eigene Stärke. Desailly gab zu: "Zwei Jahre nur mit Freundschaftsspielen und Siegen im Stade de France haben uns vielleicht darüber hinweg getäuscht, wie schwer so ein Turnier wirklich ist."

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