Rogge erteilt Forderungen Absage
Putin stoppt Alleingang russischer Funktionäre

Ein Machtwort des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat Olympia vor dem größten Boykott seit den Sommerspielen 1984 in Los Angeles bewahrt.

dpa SALT LAKE CITY. Der Kreml-Chef stoppte am frühen Moskauer Freitagmorgen fernmündlich den Alleingang der russischen Olympia-Funktionäre in Salt Lake City, die vier Stunden zuvor auf einer dramatischen Pressekonferenz mit dem Rückzug von den Winterspielen gedroht hatten. Vor 18 Jahren war die damalige UdSSR den Sommerspielen fern geblieben, weil vier Jahre zuvor die USA und andere westliche Länder die Olympiade in Moskau boykottiert hatten.

"Präsident Putin hat unserem NOK-Präsidenten erklärt, dass die Regelverletzungen gegen unsere Sportler in Salt Lake City nicht als Grund ausreichen, um die Winterspiele zu verlassen", berichtete das russische Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Schamil Tarpischew, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Über Konsequenzen auf die Ereignisse in Salt Lake City wolle Putin mit den russischen Sportvertretern nach den Winterspielen reden. Allerdings prangerte Putin die vermeintliche Benachteiligung russischer Sportler am Freitag in Moskau an: "Unsere Sportler werden bei den Winterspielen einer nicht objektiven und voreingenommenen Richterschaft unterworfen."

Außerdem verlangte Moskau in einem Schreiben offiziell vom IOC, für eine "normale Lage" rund um die russische Mannschaft zu sorgen. "Wir haben die IOC-Führung aufgefordert, umgehend alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine normale Lage herzustellen, damit die russischen Sportler normal antreten und ihre gewohnten Ergebnisse zeigen können", sagte Außenminister Igor Iwanow.

Nach Darstellung von Tarpischew hat Putin während der Winterspiele mindestens fünf Mal telefonisch Kontakt mit russischen Mannschafts- Mitgliedern aufgenommen, um sich über die "schlimmen Vorgänge" um die Sportler zu informieren. Allein zwei Gespräche habe er mit dem Chefcoach der Eishockey-Mannschaft, Wjatscheslaw Fetissow, vor und nach dem 1:0-Sieg am Mittwoch gegen Tschechien geführt.

Zum ersten Mal meldete Putin in Salt Lake City sein Unbehangen an nach der Vergabe der zweiten Goldmedaille im Paarlaufen an die kanadischen Eiskunstläufer Jamie Sale/David Pelletier, die hinter dem russischen Paar Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse auf den zweiten Platz gewertet worden waren. Über 90 % der russischen Bevölkerung seien empört über die IOC-Entscheidung, ließ der Präsident wissen. Das vorletzte Gespräch hatte er laut Tarpischew mit NOK-Präsident Leonid Tjagatschow am Donnerstag nach der Staffel- Disqualifikation der Ski-Langläuferin geführt. Aus der Empörung des russischen Präsidenten leitete dann Tjagatschow seinen Alleingang ab.

Erst überreichte er IOC-Präsident Jacques Rogge im Rahmen eines eineinhalbstündigen Gesprächs einen siebenseitigen, handgeschriebenen Protestbrief, in dem er den Belgier ultimativ aufforderte, angeblich unkorrekte Entscheidungen zu korrigieren. Dann ging er vor die Weltpresse und erklärte: "Wir haben 24 Stunden Zeit, uns zu entscheiden." Wenn das IOC bis dahin keine Entscheidung getroffen habe, die "unsere Probleme löst", werde Russland die Olympia-Stadt vorzeitig verlassen.



Sprache des Kalten Krieges

In der Sprache des Kalten Krieges drohte Tjagatschow: "Wir wollen keine Marionetten der Sportpolitik sein. Wenn wir uns zurückziehen sollten, wird dies auch Folgen für die Zukunft haben." Wenn Russland "nicht gebraucht wird im Weltsport und im olympischen Sport, können wir das Olympische Dorf sofort verlassen". Unter Hinweis auf "Ungerechtigkeiten" gegenüber anderen Olympia-Mannschaften sagte der Spitzenfunktionär: "Nicht nur Russland ist beleidigt worden, sondern auch China. Gedemütigt wurden die Teams aus der Ukraine und Südkorea."

Tatsächlich drohten unmittelbar nach den Russen auch die Südkoreaner mit einem Olympia-Boykott, falls ihr disqualifizierter Shorttrack-Läufer nicht mit der Goldmedaille ausgezeichnet werde. Und der olympische Tag klang in Salt Lake City nach Mitternacht mit einem weiteren russischen Protest aus: Der Eiskunstlauf-Verband forderte eine zweite Goldmedaille für Irina Slutskaja im Damen-Wettbewerb. Die Moskauerin war der Amerikanerin Sarah Hughes mit 4:5- Preisrichterstimmen knapp unterlegen. Der russische Verband machte geltend, dass die "nicht objektive Wertung" gegen die Regeln des Weltverbandes ISU verstoße.

Bevor Putin seine Sportfunktionäre zurückpfiff, hatte er von Rogge einen Brief erhalten. Darin erteilte der IOC-Präsident den russischen Forderungen eine Absage. Zwar könne er die Emotionen in Russland verstehen. Doch seien die vom russischen NOK als gravierende Regelverletzungen beklagten Entscheidungen internationaler Sportverbände "korrekt" gewesen.

In Salt Lake City zeigte sich die IOC-Spitze erleichtert über die Entscheidung Putins, die sechs dramatische Stunden in der Olympia- Stadt abschloss. Die russische Mannschaftsführung habe "in ihren Emotionen überreagiert", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. "Ein Rückzug hätte vor allem den eigenen Athleten geschadet und die russischen sportpolitischen Interessen schwer beschädigt." Er habe sich nicht vorstellen können, dass der russische Präsident einem solchen Fehler seine Zustimmung gibt. Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim sagte, der Eklat "wirft einen Schatten auf die Spiele, er hat ihnen nicht gut getan". Er werde bei dem großen Erfolg dieser Winterspiele "eine unerfreuliche Episode bleiben".

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