Rohöl auf neuem Zehn-Jahres-Hoch
Hoher Ölpreis setzt Bundesregierung unter Druck

Die deutsche Wirtschaft sieht sich durch den Ölpreisanstieg einem starken Kostendruck ausgesetzt. Das Transportgewerbe befürchtet Wettbewerbsverzerrungen, weil die Regierung in Paris ihren Spediteuren entgegenkommt. Einvernehmlich fordern die deutschen Wirtschaftsverbände daher, die Ökosteuer auszusetzen.

DÜSSELDORF. Sollte die Bundesregierung tatenlos zusehen, koste dies "mindestens 100 000 Arbeitsplätze", heißt es bei den Spediteuren. Eine Senkung der Mineralölsteuer auf Diesel um zehn Pfennig verlangte der Bundesverband Spedition und Logistik. Auch die zuständige EU-Kommissarin Loyola de Palacio fordert eine Steuersenkung für bestimmte Berufsgruppen und Unternehmen. Zudem müsse in der EU der Wettbewerb beim Kraftstoffvertrieb gestärkt werden.

Der Preis für Rohöl stieg gestern zeitweise auf 33,50 $ je Barrel Brent (Oktober), ein neues Zehn-Jahres- Hoch. Damit hat sich der Ölpreis binnen zwei Jahren mehr als verdreifacht. Zusätzlich hatte Deutschland die Benzinpreise durch die neue Ökosteuer angetrieben. Dennoch sieht die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf. Sie habe nicht die Absicht, mit Steuerentlastungen zu reagieren, erklärte das Bundesfinanzministerium. Das bekräftigte auch Wirtschaftsminister Werner Müller. Er halte derzeit "erhebliche Fortschritte beim Energiesparen" für notwendig.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) kündigte eine Gesetzesinitiative zur Rücknahme der Ökosteuer an. Er warf der Bundesregierung "Preistreiberei" vor. Während Paris die Kfz-Steuer abschaffe und die Mineralölsteuer senke, treibe Berlin die Transportfirmen in den Ruin, kritisierte der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Horst Friedrich. In Paris bot Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot den Spediteuren an, die Dieselsteuer um rund zehn Pfennig pro Liter zu senken und künftig Dieselpreiserhöhungen durch Steuersenkungen zu kompensieren. Trotz dieser Zugeständnisse im Volumen von rund 300 Mill. DM zeigten sich die Fuhrunternehmer hart und setzten ihre Blockaden fort.

Die Auswirkungen des Ölpreises auf die Branchen und Unternehmen sind allerdings unterschiedlich. Auf der Verliererseite stehen vor allem die vom Dieselpreis gebeutelten Spediteure, aber auch die Automobilhersteller, die chemische Industrie, die Autohersteller und die Schifffahrt.



Besonders hart getroffen werden die Fluggesellschaften

British Airways erwartet, dass die Kosten für Kerosin 2001 um 270 Mill. £ klettern. Dagegen hat Lufthansa für ihren Treibstoffbedarf im nächsten Jahr zu über 60 % einen durchschnittlichen Ölpreis von 18,50 $ fest vereinbart. Preiserhöhungen drohen auch bei Urlaubsreisen: Die Reiseveranstalter hatten zwar Anfang des Jahres einen Teil der gestiegenen Kosten auf die Kunden abgewälzt. Da diese Zuschläge bei einigen nicht mehr reiche, berät Hapag-Lloyd Flug GmbH über Preiserhöhungen "um 4 % aufwärts".

Dagegen verdient die Mineralölbranche prächtig. Dank hoher Ölpreise und günstiger Wechselkurse berichtet der französische Ölkonzern Totalfina im ersten Halbjahr über einen Gewinnanstieg um 165 % auf 3,4 Mrd. Euro. Zuvor hatten BP Amoco und Shell deutliche Gewinnverbesserungen gemeldet. Auch der Heizölhandel steht auf der Gewinnerseite: Da die Verbraucher ihre Tanks noch vor dem Winter füllen, liegen die Margen zwischen Raffinerie- und Endverbraucherpreisen zwischen zwölf und 13,60 DM je 100 Liter.

Auf die Konjunktur wird der Ölpreisanstieg nach Auffassung von Ökonomen zwar keine Folgen wie die Ölpreisschocks in den 70er-Jahren haben, doch seien konjunkturelle Dämpfer zu erwarten. Allein in diesem Jahr müssen die deutschen Konsumenten rund 40 Mrd. DM mehr für Benzin und Heizöl ausgeben.

An den Rohölmärkten erwarten die Analysten auch nach dem Opec-Treffen am Wochenende keinen Preisrückgang. Experten der Investmentbank Goldman Sachs halten selbst Barrel-Preise von 50 $ nicht mehr für utopisch. Die Opec-Delegierten beraten am Sonntag in Wien über eine Forderung Saudi-Arabiens, die Produktion kräftig zu erhöhen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%