Rohstoffwerte bieten JSE etwas Unterstützung
Unsichere Entwicklung in Argentinien strahlt bis nach Südafrika aus

Nach über 100 Jahren in der Innenstadt hat sich die Börse Johannesburg dem Exodus vieler Firmen angeschlossen und ist in den relativ sicheren Norden Johannesburgs umgezogen. Doch der Ortswechsel ist nur eine der vielen Veränderungen, die die JSE seit dem Ende der Apartheid vor sechs Jahren verzeichnete.

KAPSTADT. Die Johannesburger Börse (JSE) hat nicht nur ihren Standort in der südafrikanischen Industriemetropole verändert. Auch intern haben sich erhebliche Veränderungen ergeben. Der bedeutsamste Schritt findet sich dabei in der Einführung eines elektronischen Systems bei der Abwicklung von Aktienkäufen, das unter dem Namen Strate firmiert. Obwohl an der JSE bereits seit 1996 elektronisch gehandelt wird, galt die südafrikanische Börse bei der Abwicklung der Käufe als rückständig. Ziel ist es nun, alle Wertpapiertransaktionen bis zum Juli 2001 elektronisch zu bewältigen. Die gegenwärtige Prozedur von einer Woche soll dann von einem strikten T+5-System und später einem T+3-System ersetzt werden. Es bewirken, dass alle Käufe in fünf bzw. drei Tagen abgeschlossen sind.

Auf diese Weise hofft die JSE, einen Großteil ihres gegenwärtigen Handels zu behalten. Denn immer mehr einheimische Firmen wollen ihre Hauptnotierung und den Firmensitz zum Zweck einer billigeren Kapitalaufnahme ins Ausland verlagern. Seit 1997 haben bereits fünf Großkonzerne ihre Firmenzentrale zumindest auf dem Papier nach London verlegt: die Bergbauhäuser Billiton und Anglo American, der Bierkonzern South African Breweries (SAB), der Lebensversicherer Old Mutual und zuletzt die IT-Firma Didata. Die Firmen, die an der JSE zweitnotiert bleiben, hoffen darauf, mit diesem Schritt das Image eines Emerging-Markets-Unternehmens abzuschütteln, das den Aktienkurs zuvor nachteilig beeinflusst hatte.

Unternehmen verlagern Notierung ins Ausland

Mag es der JSE wegen der Abwanderungswelle nicht ganz leicht fallen, ihre stark gestiegene Liquidität zu erhalten, doch hat sie sich vergleichsweise wacker geschlagen. So hat sich in den letzten vier Jahren die Zahl der an der JSE getätigten Transaktionen von einigen Tausend auf fast 30 000 am Tag erhöht. Dies erklärt auch, weshalb die JSE mit einer Marktkapitalisierung von knapp 1,1 Trillionen Rand (150 Mrd. $) zu den 20 größten Börsen der Welt zählt.

In Afrika selbst ist die JSE konkurrenzlos: Mehr als 75 % der Marktkapitalisierung des Schwarzen Kontinents bündeln sich am Kap. Allerdings ist Südafrikas Aktienmarkt stark vom Bergbau abhängig. Dessen Firmen machen etwa 30 % der Gesamtkapitalisierung aus. Zu den Schwergewichten zählen neben Anglo American, dem weltweit größten Produzent von Edelmetallen, inzwischen auch seine Platin- Tochter Angloplat und die Schwester de Beers, die mit Hilfe ihres Kartells in London den Diamantenmarkt beherrscht. Während die Goldfirmen ständig an Bedeutung verlieren, macht der Platinindex mit einer Gesamtkapitalisierung von 117 Mrd. Rand bereits mehr als 10 % des JSE-Gesamtwertes aus. Daneben schlagen Finanzwerte mit 28 % des Börsenwerts zu Buche und bilden so ein Gegengewicht zum Rohstoffsektor. IT-Firmen wie Dimension Data und Datatech gewinnen erst langsam an Bedeutung.

Dank seiner Bodenschätze hat Südafrikas Börse weniger stark gelitten als manch anderer Schwellenmarkt. Mit dem weltweiten Absturz der Technologiewerte sind Aktien der Old Economy, darunter auch die oftmals erstklassigen Minenfirmen vom Kap, in der Gunst ausländischer Anleger wieder gestiegen. Doch ist das Bild gemischt: Während die Rohstoffe vor allem im Platin- und Diamantensektor zum Teil beträchtlich zulegen konnten, verzeichneten neben IT- Firmen auch viele Industriewerte stärkere Verluste. Insgesamt ging es damit auch an der JSE im November bergab. Am Montag schob sich der Gesamtindex unter Führung der Finanz- und Goldwerte leicht auf 7 780 Punkte vor. Anfang November lag er noch bei 8 400 Zählern.

Mit den meisten anderen Sparten war ohnehin wenig Staat zu machen. Datatec, eine der beiden großen IT-Firmen, wurde nach einem schwachen Zwischenergebnis vom Markt erbarmungslos bestraft. Aber auch M-Cell und Venfin, die Holdingfirmen der Mobilfunker MTN bzw. Vodacom, verzeichneten empfindliche Einbußen.

Dass die Johannesburger Börse trotz der Zugewinne im Rohstoffsektor nicht recht vom Fleck kam, hing mit den unsicheren Entwicklungen am Schwellenmarkt Argentinien zusammen. Während der Rand, ebenso wie die Währungen anderer Emerging Markets, zuletzt starken Schwankungen unterworfen war und zeitweise auf dem Allzeittief von 7,85 R zum Dollar lag, zeigte sich die Regierungsanleihe R 150 stabil. Sie verbesserte sich im Oktober um fast 50 Basispunkte auf 12,5 %. Auch der Rand hat sich mit rund 7,64 R wieder erholt. Neben den Entwicklungen in Argentinien gibt aber auch das niedrige Wirtschaftswachstum Grund zur Sorge.

Direktinvestitionen bleiben aus

Erst Ende Oktober wurde die Rate von Finanzminister Trevor Manuel für dieses Jahr von 3,5 % auf 2,6 % reduziert. Manuel führt dies auf Rückschläge in der ersten Jahreshälfte zurück, darunter die Überschwemmungen im Osten des Landes und den hohen Ölpreis.

Seit der Machtübernahme im April 1994 hat der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) zwar eine bewundernswerte Fiskaldisziplin an den Tag gelegt. Gleichwohl hat das Land kaum internationale Direktinvestitionen erhalten. Eine Erklärung dafür liefert eine Studie der Johannesburger Beratungsbüro Business Map: Demnach sind Auslandsinvestoren im mehr an den Rohstoffressourcen und politischer Stabilität als einer konservativen Wirtschaftspolitik interessiert. Andere Kritikpunkte der Anleger sind der Mangel an Facharbeitern, die Aids-Epidemie und versteckte Kosten, die u.a. aus der extrem starken Bürokratie herrühren.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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