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Roland Koch jenseits von Moskau

Der hessische Ministerpräsident, dem einige nachsagen, er interessiere sich für das Amt des Bundeskanzlers, tourt durch Russland und wird überall schon als Kanzlerkandidat gesehen – nur nicht im Kreml.

HB Moskau (Interfax), 28. August. Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hat gestern den Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) empfangen. In dem zweistündigen Gespräch haben die beiden Politiker aktuelle Fragen der internationalen Politik diskutiert. Beide sprachen nach dem Treffen von einem "konstruktiven Dialog, der fortgesetzt werden soll".

So hätten sie es heute gerne gelesen, Roland Koch und seine Büchsenspanner, die Zukunftsstrategen der Hessischen Staatskanzlei. Nichts da. Getroffen haben sich am regnerischen Mittwochmittag nur die Ehefrauen, Anke und Putina. Ja, doch: im Kreml. Aber im Mittelpunkt standen weder nationale noch internationale Dinge. Vielmehr das globalisierte Profane: Kinder, Küche und all die Probleme des Alltags häkelten die Frauen zu einem fast zweistündigen Plausch zusammen. Koch war derweil anderweitig beschäftigt. Putin auch, der war zu Besuch auf der Insel Sachalin, im Fernen Osten des Landes.

Bewerbung in Sachen Kanzlerschaft

Dabei ist Roland Koch, dem einige nachsagen, er interessiere sich für das Amt des Bundeskanzlers, aufgebrochen, um nach Washington nun auch Moskau für sich einzunehmen. Das gilt seit dem vergangenen Mai, als Amerika Gerhard Schröder grollte, und Präsident George W. Bush fast zufällig ins Büro seines Vize fiel und dabei prompt des "kommenden Mannes in der deutschen Politik" (Bush) ansichtig wurde. Seither will der konservative Hesse auch das einst rote Reich in sein Bewerbungsschreiben in Sachen Kanzlerschaft aufnehmen.

Damit keine falschen Vorstellungen über Sinn und Zweck der Reise aufkommen könnten, lud die Staatskanzlei neben zwei heimischen Journalisten lauter Hauptstadt-Korrespondenten samt deren Musterkoffer voller bundespolitischer Deutungen zur fünftägigen Reise ein. Das war ein kluger Schritt. Es hätte sonst Verwechslungen geben können.

Denn statt des strahlenden, möglichen Kanzlerkandidaten der Union wäre womöglich nur ein etwas unterforderter Ministerpräsident aus der Provinz in den Presseberichten der Nation aufgetreten, ein Landesvater zumal, der in Russland noch auf den ausgewalzten Spuren seiner Amtskollegen Edmund Stoiber, Ernst Teufel und Peer Steinbrück hinterherhechelt, um hessische Betonrohre, Tapeten und Heizungen an den Russen zu bringen.

Tatsächlich führte die Reise zunächst auf bereits befriedetes Territorium, in die Provinz nach Jaroslawl, in die Partnerregion Hessens. Die Stadt an der Wolga zählt wie Frankfurt am Main mindestens 603 000 Einwohner, ist aber weltpolitisch gesehen 300 Kilometer nordöstlich von Moskau weit ab vom Schuss. Das schützt vor gehobenem Selbstbewusstsein nicht.

"Wir Jaroslawlaner streben nach dem Vorrang!" tönte am Montag der Gouverneur Anatolij Lissizyn, ein untersetzt bulliger Mann, der schon vor der russischen Wende sämtliche Fäden der Region in Händen hielt. Jetzt tritt er auf wie ein amerikanischer Schauspieler, der einen russischen Gouverneur spielt: von aufreizender Nonchalance bis hin zu fast kalter Gleichgültigkeit. Als er dann später am Tag, vor der geballten Ladung Wodka, noch einen Gang des Selbstlobs höher schaltet, "die Arbeiten an unserer Vervollkommnung gehen weiter", da hätte man meinen mögen, da erkenne jemand auch in Roland Koch einen Jaroslawlaner. Denn der fühlt sich sofort irgendwie zur bekennenden Bruderschaft herausgefordert. "Wir in Hessen haben dieselbe Mentalität: immer vorne sein!"

Keiner in Wiesbaden, Washington und Berlin, keiner in der Delegation der mitreisenden hessischen Landtagspolitiker und Unternehmer und schon gar niemand in der CDU wird diese hessische Zielstrebigkeit in Abrede stellen. Nicht unbedingt, weil der Finanzminister aus Kassel kommt und Hans Eichel heißt. Viel eher schon, weil sich Roland Koch selber immer wieder mit schierer Wolllust zur Beantwortung der K-Frage (Will er Bundeskanzler werden?) nötigen lässt - nur um sie genauso genüsslich wie verlässlich zu verweigern

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Auch hier, jenseits von Moskau, in der deutsch-russischen Begegnungsstätte, kam die K-Frage, aus weiblich-russischem Mund: "Herr Ministerpräsident, wir haben gehört, dass Sie Bundeskanzler werden möchten . . ." Und diese Frage kann der erst 45-jährige, hochambitionierte Hesse immer brauchen. Doch da Koch alles andere als ein dostojewskischer Spieler (der nur einen Kilometer Luftlinie von der hessischen Staatskanzlei Ruf und Reichtum verspielte) ist, flüchtet er in das für alle trostlose Ungefähr: "Ich habe auch gelesen, was Sie da gelesen haben . . ." So schiebt er das Thema später auch in Moskau vom jeweiligen Pult, geht auf die Fußspitzen, wippt ein bisschen, kreuzt fidel die Hände vor dem Bauch. So! Lächeln, bübisch bis schelmisch. Satisfaktionswert: optimal, selbst in Russland. Händereiben!

Bitter ernst mit der K-Frage

In Wahrheit aber ist es ihm bitter ernst mit der K-Frage. Das fühlt, wer seinen Groll über die fehlende Führung der CDU spürt, wer die Gedanken über die von Stoiber verschenkte Kanzlerwahl versteht und deshalb einsieht, dass der Bayer einfach als erste Sahne bei der Bundespräsidenten-Kandidatur gelten muss. Ihn selber, das weiß er, betrachten viele, noch allzu viele in der Union als eine Art "eiskalten Engel", dessen rein instrumentelles Denken irritiert. Doch ist er weder ein Hasardeur noch von blindem Eifer gejagt. Er weiß, dass nicht er, sondern die Partei es sein wird, die entscheidet, wer die Union zurück auf die Regierungsbank führen soll.

Der Pragmatiker und Intellektuelle Koch kalkuliert, dass erst 2005 diese Entscheidung ansteht. Vor allem weiß er, dass er Angela Merkel, ist sie erst mal als Partei- und Fraktionsvorsitzende einigermaßen glänzend bestätigt, schon "erschießen" (ein Reisebegleiter) müsste, wollte er sie von der "pole position" verdrängen. Doch Deutschland ist nicht Russland.

"Momentan schwirrt seine innere Kompassnadel ganz gewaltig hin und her", will einer seiner Bewunderer registriert haben. Aber nicht nur der "Casus Merkel" lässt ihn innerlich schlingern. Bei zentralen Fragen, wie der Steuerreform, agiert er nach dem Geschmack der Zentrale allzu forsch pro domo. So könnte er sich, das spürt er, in die Isolation besserwissern. Und so lässt er sich auf der Russland-Reise jede Äußerung Stoibers zur Steuerreform vorlegen. "Wie verhalten wir uns dazu?" fragt sich die Runde der Kochfreunde dann sogleich. Kochs Standardantwort dürfte einige überraschen: So, dass es Angela Merkel nicht schadet. Der eiskalte Engel ist da besonders solidarisch.

Kein Wunder: Schließlich weiß er nicht, ob die Partei jemals den Mut aufbringen wird, sein schroffes Programm, das eines Anti-Ideologen, zu akzeptieren. Abgekocht ist sein Sanierungsprogramm für Deutschland kaum anders als ein russischer Gouverneurs-Erlass zu verstehen. Denn er dekrediert: "Mehr arbeiten und weniger verdienen!" Doch in Deutschland ist das Gürtel-enger-Schnallen anders als in Russland längst noch nicht in Mode gekommen, geschweige denn ist Kochs Politik der nur schlechten Nachrichten mehrheitsfähig. Auch das weiß er. Und so bläut er sich und anderen zunächst ein: "Die Mehrheit ist die Wahrheit."

Pragmatist hohen Grades

So lässt der Pragmatist hohen Grades in Moskau auch alle kaum verhüllt wissen, wie klar ihm das ist. In der Konrad-Adenauer-Stiftung beschreibt er folgerichtig die "große Gefahr" für einen Politiker, "nicht mehr erkennbar zu werden", wenn er "bedingungslos" in die Mitte strebt. Ein Politiker müsse, sagt er, eine "Überzeugung haben", die ihm "Überlegenheit" sichert und ihn, Ziel erreicht, "überlegen" macht. "Maß und Mitte" - das ist jetzt offenbar auch ein Thema, dem er sich gerade nähert.

Denn ihm schwant: Wenn er nicht angreifbar ist, nicht irrt, sich also nicht zur Mitte hin kompromittiert, bleibt er lange der Ministerpräsident, der jenseits von Moskau hessischen Betonrohren den Weg in den Untergrund anbahnen muss. "Das ist mein erster Besuch in Moskau, aber bestimmt nicht mein letzter", verspricht er.

Sollten bei späteren Reisen noch immer einige Roland Koch als einen möglichen Kanzlerkandidaten handeln, werden auch wieder Korrespondenten dabei sein. Er sagt: "Manche Journalisten, die mich seit meinem Treffen mit Bush begleiten, begleiten mich jetzt vorsichtshalber, weil vielleicht Ähnliches wieder passieren könnte."

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