Roman über Marcel Reich-Ranicki
Suhrkamp veröffentlicht umstrittenen Walser-Roman

Trotz des Vorwurfes antisemitischer Tendenzen will der Suhrkamp-Verlag den neuen Roman des Schriftstellers Martin Walser, "Tod eines Kritikers", wie geplant veröffentlichen.

dpa/rtr FRANKFURT. Der renommierte Frankfurter Suhrkamp-Verlag erklärte am Dienstag, die ersten Besprechungen des Werkes seien in einer politischen Situation erschienen, die eine überzogene Vorverurteilung des Buches begünstigt hätten. Obwohl kaum jemand den Text bislang gelesen habe, sei eine heftige Debatte entstanden.

"Unter diesen Umständen tut der Verlag, was er seinem Autor und der Öffentlichkeit schuldig ist: er publiziert den Roman, in der von Martin Walser verantworteten Textform", schrieb Verlagsleiter Günter Berg.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte die Vorab-Veröffentlichung von Walsers Werk zuvor mit der Begründung abgelehnt, darin werde ein "Repertoire antisemitischer Klischees" wiedergegeben. Andere Autoren griffen die Antisemitismus-Vorwürfe zwar nicht auf, sprachen aber von einem "Dokument eines schier übermenschlichen Hasses" und einem "moralischen Skandal".

Walser selbst bezeichnet die Vorwürfe in der "Bunten" als Blödsinn. Bereits 1998 hatte der Autor als Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine heftige Debatte ausgelöst, als er eine "Instrumentalisierung von Ausschwitz" kritisierte. Die ständige Thematisierung des Holocaust als "Moralkeule" erreiche letzlich den gegenteiligen Effekt, warnte er. Der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, beschuldigte Walser daraufhin der "geistigen Brandstiftung".

Hauptfigur von Walsers neuem Roman ist der jüdischstämmige Literatur-Kritiker Andre Ehrl-König, der mit vernichtenden Buch-Verrissen in seiner Fernsehshow unbarmherzig die Karrieren aufstrebender Schriftsteller zunichte macht. Als der Kritiker verschwindet, gerät der Autor Hans Lach unter Mordverdacht, dessen Buch Ehrl-König gerade niedergemacht hat und der den als unsympathisch und größenwahnsinnig charakterisierten Kritiker im Streit auf einer Party bedroht. "Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen", sagt er in Anspielung auf die Ansprache Adolf Hitlers, mit der der Diktator 1939 den Überfall auf Polen gerechtfertigt hatte.

Vor allem an dieser Textpassage der Parodie auf den deutschen Literaturbetrieb hatte sich die Kritik entzündet. An anderer Stelle finden sich Anspielungen auf die jüdische Abstammung des Kritikers: "Hans Lach ist der gequälte Christ, der sich helfen kann zuerst nur mit Delirium, dann mit der Tat. Ehrl-König war die Operettenversion des jüdisch-christlichen Abendlandes...". Andere Romanfiguren kolportieren Gerüchte über den eitlen Kritiker, seine Vergangenheit, seinen Aufstieg und seine sexuellen Vorlieben.

Walser sagte dazu in der "Bunten", die Gerüchte seien eine Erfindung. "Mein Gott, Entschuldigung...Eine Romanfigur ist immer mehr als jedes mögliche Vorbild in der Wirklichkeit". Auch Suhrkamp-Verlagsleiter Berg verwahrte sich in der Zeitschrift gegen überzogene Kritik: "Im Moment ist es vielleicht sogar schick, aus Walser sozusagen den Möllemann des deutschen Literaturbetriebes machen zu wollen. Aber das wird Herrn (FAZ-Mitherausgeber Frank) Schirrmacher und der FAZ nicht gelingen, weil Walser das nicht ist".

Reich-Ranicki selbst hatte sich zwar grundsätzlich für die Veröffentlichung des Romans ausgesprochen, allerdings nicht beim Suhrkamp-Verlag. Der Roman passe nicht zur Tradition des Verlags, sagte er am Dienstagabend im ZDF, und zählte eine Reihe bedeutender jüdischer Autoren des Verlags auf, darunter die Wissenschaftler Walter Benjamin und Theodor Adorno. Er sei aber entschieden dafür, dass das Buch in einem anderen Verlag erscheine, damit sich die Öffentlichkeit aus erster Hand darüber informieren könne. Reich-Ranicki fügte hinzu, er und seine Frau seien von dem Roman sehr betroffen.

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