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Ron Sommer: Vom Börsenstar zur Hassfigur

Als Chef der Deutschen Telekom trat Ron Sommer eloquent und redegewandt auf, Gefühle ließ der smarte Manager in der Öffentlichkeit selten erkennen. Doch als der 53-Jährige am Dienstag vor laufenden Kameras nach sieben Jahren im Amt seinen Rücktritt verkündet, lässt er durchblicken, wie sehr ihn die Debatte um seine Person in den vergangenen Wochen getroffen hat.

rtr BONN/FRANKFURT. Seine Familie habe Beanspruchungen standhalten müssen, "wie wir sie bis dahin noch nicht gekannt hatten". Die Debatte habe auch ihn sehr betroffen gemacht. Zur Bilanz seiner Arbeit sagt Sommer: "Ich werde mit einem Gefühl der subjektiven Befriedigung zurückblicken", verlas er entgegen sonstiger Gewohnheit.

Selten hat ein Manager in Deutschland solche Emotionen bei der Bevölkerung geweckt: Sommer hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, vom Insider-Tipp zum Börsenstar aufzusteigen - und schließlich wegen des anhaltenden Kursverfalls der Aktien der Telekom geradezu zur Hassfigur der Kleinaktionäre zu werden.

An dem in Israel geborenen Vorstandsvorsitzenden mit dem leichten Wiener Akzent schieden sich seit seiner Berufung auf den Telekom-Chefsessel am 16. Mai 1995 die Geister. Immer kürzer wurden in seiner Amtszeit die Abstände, in denen öffentlich über seine Person und seine Qualitäten als Lenker der Deutschen Telekom nachgedacht wurde. Während die einen ihn als charismatisch, charmant und smart wahrnehmen, wirkt er auf andere arrogant, kalt und glatt.

Geboren wurde Sommer 1949 in Haifa. Er promovierte nach einem Mathematik-Studium 1971 in Wien. Nach dem Einstieg bei Nixdorf Computer wechselte Sommer 1980 zum japanischen Sony-Konzern, deren US-Geschäfte er von 1991 an leitete. Vor seinem Wechsel zur Telekom leitete Sommer für zwei Jahre die Europa-Geschäfte von Sony. Vor allem seine Internationalität und seine Durchsetzungsfähigkeit wurden bei der von dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eingefädelten Berufung als Begründung genannt. Als "schneidigen Jungmanager" titulierte ihn die Wochenzeitung "Die Zeit" seinerzeit beim Amtsantritt.

Damals wurden über die Telekom, den "Rosa Riesen", zumeist gelächelt. Schlechter Service und technische Pannen kennzeichneten für viele das Unternehmen. Mit Personalabbau, Marketingerfahrung und Zähigkeit bekam Sommer die Telekom zunächst aus den Negativ-Schlagzeilen heraus. Mit dem Börsengang im November 1996 schaffte er den Sprung auf die Titel-Seiten der Wirtschaftspresse. Parallel zu einer der größten Emissionen, die die Finanzbranche weltweit je erlebt hat, baute Sommer die noch von Beamten dominierte und mit hohen Schulden belastete Telekom in ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen um.

Bei drei Emissionen machte die Telekom insgesamt drei Mill. Deutsche zu Aktionären. Die Aktionäre, die 1996 und bei der Zweitemission 1999 zu 14,32 beziehungsweise 39,50 ? Telekom-Papiere zeichneten, konnten bis Frühjahr 2000 ihre Einsätze vervielfachen, bis die Blase der Technologiewerte an der Börse platzte. Bis auf 105 ? hatte sich der Kurs des Telekom-Papiers hoch geschraubt. Die bislang letzte Aktientranche kam Mitte 2000 zu 63,50 ? an die Börse.

Die Kritik an Sommers Unternehmensführung begann im Zuge der gescheiteren Pläne für eine Fusion mit Telecom Italia 1999. Sommer sah in der Schützenhilfe für den italienischen Konzern gegen eine Übernahmeofferte von Olivetti eine Chance zur Internationalisierung. Verschnupft über seine Solo-Tour kündigten ihm die Partner France Telecom und Wind seinerzeit die Freundschaft.

Die Anfeindungen verstärkten sich, je tiefer der Kurs der Aktie sank. Den niedrigsten Stand seit dem ersten Börsengang erreichten die "Volksaktien" am 26. Juni 2002 mit 8,14 ?. War Sommer auf den Hauptversammlungen 1997 und 1998 noch mit Jubel und Applaus gefeiert worden, erntete er jetzt nur noch Buhrufe.

Sommer hatte die Anleger gewarnt: Die von Analysten immer wieder verlangte Expansion im Ausland werde viel Geld kosten und notfalls "auch mal ein paar Jahre" Verluste produzieren. In schneller Folge schloss das auf dem deutschen Markt mit satten Marktanteilen agierende Unternehmen milliardenschwere Übernahmen ab: Debis Systemhaus, den britischen Mobilfunker One2One und schließlich die US-Firma VoiceStream.

Nach der Ersteigerung der UMTS-Lizenzen in Großbritannien und Deutschland für weitere Milliardenbeträge war der Schuldenstand des Unternehmens wieder auf das Niveau von 1995 angestiegen. Im laufenden Jahr wird mit voraussichtlich 5,5 Mrd. ? der höchste Verlust der Firmengeschichte verbucht. Aktionäre sahen sich getäuscht und reichten zahlreiche Klagen wegen angeblicher falscher Prospekte ein, die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt seit Anfang 2001 wegen möglicher Falschbilanzierung von Vermögenswerten ab 1995.

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