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Rons Milliardengrab

Voicestream? Nie gehört. Die US-Tochter der Telekom hat einen schweren Stand im Markt. Schlechte Nachrichten für Ron Sommer zur Hauptversammlung.

SAN FRANCISCO. Nein, zu Voicestream könne er keine Informationen geben, sagt der junge dunkelhaarige Mann, der sich schlicht als "Amir" vorstellt. Er betreibt einen kleinen unabhängigen Mobilfunkladen im Finanzviertel von San Francisco, zwischen Sandwich-Shops, Cafés und Kopierläden. Ach, doch, Moment, eine Broschüre habe es ja gegeben, fällt ihm ein. Er greift nach einem Karton unter dem Ladentisch. Nach kurzem Kramen taucht er wieder auf. "Tut mir leid, die habe ich wohl weggeworfen."

Das sind nicht die besten Bedingungen für den Mobilfunkanbieter Voicestream, eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Telekom, dessen Marktstart in Kalifornien in diesem Sommer unmittelbar bevorsteht. Von Kalifornien aus soll die neue weltweite Marke T-Mobile in den USA etabliert werden.

Ob T-Mobile oder Voicestream, Robert, ein strubbliger Verkäufer in einer Filiale des Elektronikhändlers Radio Shack in Brooklyn, New York, lässt kein gutes Haar an dem Service. "Nein, wir bieten Voicestream nicht an", sagt er. "Und ich hoffe, dass wir es nie tun werden", schimpft er. Seine Eltern hätten nichts als Ärger mit Voicestream gehabt, berichtet der junge Mann im weißen Hemd.

Schlechte Nachrichten für Ron Sommer - denn an dem Erfolg von Voicestream hängt seine Zukunft. Der Vorstandschef der Telekom braucht Voicestream für seine weltweite Mobilfunkstrategie. Sommer, dem heute eine stürmische Hauptversammlung bevorsteht, hat das Unternehmen vor einem Jahr für 30 Milliarden Dollar gekauft - das waren rund 3 000 Dollar pro Kunde. "Viel zu teuer", moniert Todd Bernier, Analyst beim Investmenthaus Morningstar. Tatsächlich hat sich die Investition bisher nicht bezahlt gemacht. Im ersten Quartal 2002 erwirtschaftete der Anbieter einen Netto-Verlust von 4,2 Milliarden Dollar; darin waren, wegen einer Änderung des Steuerrechts, außergewöhnliche einmalige Belastungen von 3,8 Milliarden enthalten.

Trotz des Minus beharrt Sommer darauf, dass Voicestream sich künftig zum profitablen Wachstumsbringer mausern wird. Analyst Bernier ist skeptisch: "Die Chancen dafür stehen ziemlich schlecht. Voicestream spielt hier nur am Rande eine Rolle. Es muss sich die Preise von der Konkurrenz diktieren lassen." Voicestream ist mit 7,5 Millionen Kunden die Nummer sechs auf dem US-Mobilfunkmarkt. Analysten gehen davon aus, dass das Unternehmen 13 bis 15 Millionen Kunden haben muss, um einen positiven Cash-Flow zu erzielen.

Eine Furcht einflößende Aufgabe in einem Markt, der so schwierig ist, dass nur die beiden größten Anbieter - Verizon und Cingular - im vergangenen Jahr Geld verdienten. Ein Preiskrieg tobt. Und das Wachstum flaut ab.

Voicestreams Stärke: Das Unternehmen setzt auf den in Europa üblichen Mobilfunkstandard GSM, der es Geschäftsreisenden ermöglicht, ihre Handys auch auf transkontinentalen Reisen zu nutzen. Fraglich ist nur, ob dieser Vorteil wirklich ausreicht. Denn inzwischen sind auch Voicestreams Konkurrenten AT&T Wireless und Cingular auf GSM umgeschwenkt.

Doch es ist nicht das klassische Mobilfunkgeschäft, das die Wachstumsphantasien der Telekom am lebhaftesten inspiriert. Es sind die hohen Margen der mobilen Datenübertragung. Darin sind die USA allerdings noch völliges Entwicklungsland, selbst das Verschicken von SMS-Kurznachrichten gilt als exotisch. Und bisher hat noch niemand Gewinn bringende Anwendungen ersonnen, die Millionen von Nutzern dazu bringen werden, massenweise Daten per Handy aus dem Internet herunterzuladen. Zurzeit hofft die Branche darauf, dass neben E-Mails Spiele und Unterhaltung zum Renner werden könnten. So verschickte das zu AOL Time Warner gehörende Filmstudio New Line zum Kinostart von "Herr der Ringe" bereits 20 000 Kurznachrichten über das Voicestream-Netz. Ausgerechnet ein Fantasy-Film als Auftakt der Partnerschaft mit dem Unterhaltungskonzern - Zufall oder schlechtes Omen?

Mitarbeit: K. Kort, K. Slodczyk

Quelle: Handelsblatt

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