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Rosie muss unter die Haube

Heute morgen kommt meine Haushaltshilfe mit jener wilden Entschlossenheit in mein Büro gestürmt, die bei ihr entweder große Ankündigungen oder kühne Forderungen erwarten lassen.

Heute morgen kommt meine Haushaltshilfe mit jener wilden Entschlossenheit in mein Büro gestürmt, die bei ihr entweder große Ankündigungen oder kühne Forderungen erwarten lassen. "Sir!", presst Gita heraus, und da ist schon klar, dass sie sich gerade zu etwas Wichtigem durchringt. "Im Dezember muss meine Tochter endlich heiraten. Und es ist mir egal, was sie davon halten."

Im Vorjahr hatte gutes Zureden noch geholfen, das Mädel vor diesem für indische Frauen oft traurigen Los zu bewahren. Seitdem zahlen wir das Schulgeld, und Rosie büffelt an der Mittleren Reife. Aber das hält den Teenager offenbar nicht davon ab, an Männer zu denken. Außerdem ist nächste Woche Examen, und danach? Rosies Mutter ist Analphabetin und war bis jetzt stolz, dass ihre Tochter "studiert", wie sie das nennt. Aber jetzt will Gita nichts mehr davon hören, dass Bildung auch für Frauen wichtig ist oder eine gewisse Reife die Chance auf eine erfüllte Ehe erhöht. "Was kann ich machen? Meine Tochter will unbedingt einen Freund," rechtfertigt sie sich, "dann muss sie eben heiraten." Es war klar, dass so etwas im Busch ist. In den vergangenen Tagen war die zarte, schüchterne Rosie, die immer so tut, als könne sie kein Wässerchen trüben, nach Einfall der Dunkelheit auf einem Moped angeknattert gekommen. Trot z strikten Ausgangsverbots. Chauffiert von einem deutlich älteren, schnurrbärtigen Mann mit Macho-Allüren. Die Sitten lockern sich, auch im nach wie vor erzkonservativen Indien.

Jetzt steht ihre Mutter Gita in meinem Büro und schnattert sich unbekümmert und endlos alle Sorgen vom Herzen. Dass den Männern nicht zu trauen ist. Wie leicht man schwanger wird. Dass Männer dann abhauen und das für immer geächtet Mädchen sitzen lassen. Und die Schande für die Familie! Für sie als Mutter vor allem, allein erziehend, was in Indien bereits Stigma genug ist. Das Risiko ist zu groß. Rosie muss unter die Haube. Schnell. "Sie ist doch jetzt schon bald 18! Ich habe mit 14 mein erstes Kind gekriegt!" protestiert Gita auf meinen Einwand, ihre Tochter sei noch viel zu jung. Ich hole also das Killer-Argument hervor: "Schau an, wo dich das frühe Heiraten hingebracht hat: Dein Mann ist trotzdem bald abgehauen, mit deiner ganzen Mitgift, und hat dich mit deiner kleinen Tochter sitzen lassen, mutterseelenallein, selbst noch ein halbes Kind, mitten in der fremden Hauptstadt. Willst du, dass deiner Rosie nun das selbe Schicksal blüht ?" Heute beiße ich auch damit auf Granit. "Das war Pech," meint Gita schnippisch und stemmt ihre Fäuste in die Hüften, "oder die Götter wollten es so, oder so was. Man kann halt nicht alles im Leben kontrollieren." Solch Schicksalsergebenheit lässt Inder schlimmste Ungerechtigkeiten erleiden, anstatt sie auf die Barrikaden zu treiben und sie für ihre Rechte und ein besseres Leben kämpfen zu lassen. An dieser Haltung sind bislang viele Sozialrevolutionäre in Indien verzweifelt.

Ich hole den letzten Pfeil aus dem Köcher: "Und die Mitgift? Du wirst doch nicht zu einem Kredithai gehen, um die Familie des Bräutigams zu bezahlen?" Jetzt erteilt mir Gita eine Lektion in der hohen Kunst der indischen Heirat und dem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen seinen hunderten von Klassen, Rassen, Kasten und Religionen. "Mitgift ist kein Problem," triumphiert sie. Dann leiert sie die Liste der Vorteile des künftigen Bräutigams herunter: "Er hat keine Schulbildung, keinen guten Job, stammt aus keiner guten Kaste, seine Familie kommt vom Dorf und wohnt nur zur Miete. Sie überleben ganz o.k., von einem kleinen Schneiderladen, aber es geht ihnen nicht besonders gut. Die können für ihren Sohn nicht viel verlangen." Die ideale Wahl. Gita muss nur die Hochzeitsfeier ausrichten und ihre Tochter mit all den Utensilien versorgen, welche die angehende indische Hausfrau braucht: Töpfe, Pfannen, Teller, Besteck, ein Gaskocher und ein Kü hlschrank.

Also ist es beschlossen. Rosie wird im Dezember heiraten. Dann ist die Hitze vorbei und die Sterne stehen gut. "Dann kann ich endlich ruhig schlafen," plaudert Gita munter weiter, "sie macht mir zu viele Sorgen mit ihren Männergeschichten." Und Rosie? "Nach der Heirat kann sie erst mal ihr Leben genießen," meint die besorgte Mutter gönnerisch, die ihre Tochter aus Angst vor dem Bösen Indischen Mann bislang nirgends allein hin gehen ließ. Nicht ganz zu Unrecht, denn sexuelle Belästigung ist in Indien ein Kavaliersdelikt. "Dann kann sie mit ihrem Mann mal die Stadt erkunden und machen was sie will. Und ein, zwei Jahre später kriegt sie dann sowieso ein Baby."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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