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Rostock nach Schlünz-Aus in tiefster Krise

Im Moment seiner schwersten Niederlage bewies Juri Schlünz Größe. „Ich werde jetzt nicht vor der versammelten Presse auf die Mannschaft einhauen. Ich wünsche dem Team alles Gute“, sagte der 43-Jährige unmittelbar nach seinem Rücktritt als Cheftrainer von Hansa Rostock.

dpa ROSTOCK. Im Moment seiner schwersten Niederlage bewies Juri Schlünz Größe. "Ich werde jetzt nicht vor der versammelten Presse auf die Mannschaft einhauen. Ich wünsche dem Team alles Gute", sagte der 43-Jährige unmittelbar nach seinem Rücktritt als Cheftrainer von Hansa Rostock.

Schlünz vermied trotz des historischen 0:6-Debakels gegen den Hamburger SV einen verbalen Rundumschlag. Nach der höchsten Bundesliga-Niederlage der Vereinsgeschichte (zuvor 1:6 am 9. September 1998 bei Bayern München), sieben Heimpleiten in Serie und dem Sturzflug Richtung 2. Fußball-Bundesliga hatte Schlünz nach 402 Tagen Amtszeit resigniert und mit seiner freiwilligen Demission die Reißleine gezogen.

Angesichts der tiefsten Krise in seiner elften Bundesliga-Saison und dem bereits achten verschlissenen Trainer ist die Führungsetage des einzigen ostdeutschen Bundesligisten nun zu schnellem Handeln und zur raschen Verpflichtung eines neuen Coaches verdammt. Zumal es für den Notfall keinen "Plan B" gab. "Das wäre heuchlerisch gegenüber Juri gewesen", sagte Hansas Vorstandsvorsitzender Manfred Wimmer und kündigte noch für diese Woche eine Entscheidung an: "Wir stehen mit einem Wunschkandidaten in Kontakt. Wir brauchen einen, mit dem wir schnell aus dieser dramatischen Lage kommen, bevor wir noch mehr Boden verlieren. Wir streben eine zügige Lösung an und der neue Coach soll bereits am Samstag auf der Bank sitzen."

Namen wollte der 49-Jährige wie üblich jedoch nicht nennen. "Aber da kommen ja nicht viele in Frage." Hinter den Kulissen wird nun wild spekuliert: Von Frank Pagelsdorf, der 1995 die Hanseaten nach drei Jahren Zweitklassigkeit in die Beletage geführt hatte, über Hans Meyer, Jürgen Röber bis hin zu Jörg Berger und Werner Lorant - die Liste der möglichen Kandidaten ist übersichtlich. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung soll Lorant bereits mit Rostock verhandeln, wies jedoch jeglichen Kontakt mit Hansa zurück: "Davon weiß ich nichts."

Unterdessen herrscht bei den Hanseaten lähmendes Entsetzen. "Dieses Spiel war eine Beleidigung für die gesamte Region. Wir sind alle entsetzt. Das war mein schwärzester Tag in 35 Jahren Hansa", erklärte Aufsichtsratschef Horst Klinkmann, der genau wie Wimmer gern an Schlünz festgehalten hätte. "Ich bin total verbittert. Wir hätten gerne bewiesen, dass auch ein anderer Weg machbar ist und es in der Krise bei Hansa mit Juri Schlünz weitergeht", bekannte Wimmer.

Doch mit ihrem fast schon an Arbeitsverweigerung grenzenden Auftritt gegen den HSV, der durch Tore von Collin Benjamin (20.), David Jarolim (35./63.), Naohiro Takahara (42.), Moreira di Silva (47.) und Bernardo Romeo (83.) vor 18 000 Zuschauern den ersten Sieg im Ostseestadion seit dem 21. März 1999 einfuhr, hatten die Spieler Schlünz quasi zur Aufgabe genötigt. "Da kann man sich nur schämen. Das ist die bitterste Niederlage meiner Karriere, und sie ist dreifach bitter, wenn der Trainer zurück tritt. Jetzt muss sich jeder hinterfragen", sagte Kapitän Mathias Schober fassungslos.

Und auch bei HSV-Coach Thomas Doll, der mit Schlünz für Hansa von 1984 bis 1986 in der DDR-Oberliga gespielt hatte und Rostock als seine "Fußballliebe" sieht, wollte trotz des fünften Saisonsieges keine Euphorie aufkommen. "Ich bin zwar glücklich über die drei wichtigen Punkte. Aber es tut weh und dämpft meine Freude unglaublich", sagte der 38-Jährige, der seinem alten Weggefährten aber Mut zusprach: "Juri braucht kein Mitleid. Dafür ist er zu viel Kerl und Mensch."

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