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Rostocker entwickeln künstliche Leber

Ein Gerät, mit dem Blut von Leberkranken außerhalb des Körpers gereinigt werden kann, hat die Rostocker Teraklin AG entwickelt.

BERLIN. Hoffnung für chronisch Leberkranke und Patienten mit akutem Leberversagen verspricht eine Entwicklung der Rostocker Teraklin AG: Die künstliche Leber "Mars" übernimmt die Reinigung des Blutes von Giftstoffen außerhalb des Körpers. Die Leber des Patienten kann sich derweil regenerieren. In einigen Fällen erübrigt sich damit eine Transplantation.

Die Leber ist das einzige Organ, das nachwächst, im Extremfall kann sie sogar den Verlust von 80 % des Gewebes "verkraften" - die Legende von Prometheus hat also einen realen Hintergrund: Zeus hatte ihn an den Kaukasus gekettet, und täglich fraß ein Adler von seiner Leber - doch am nächsten Morgen war sie wieder vollständig.

Bei der Niere ist die Blutwäsche altbekannt. Ein entsprechendes Verfahren für "die zweite Müllverbrennungsanlage des Körpers", die Leber, gab es bislang jedoch nicht, erläutert Stephan Aldinger, Sprecher des Mars-Projekts. Der Grund: Die Giftstoffe, die die Leber entsorgt, sind in Eiweißmolekülen versteckt. Diese können wesentlich schwerer aussortiert werden als die wasserlöslichen Giftstoffe, die die Niere aus dem Blut filtert. Versagt die Leber, blieb bislang nur die riskante und teure Transplantation eines Spenderorgans - wenn vorhanden.

Blut kommt mit Reinigungsflüssigkeit nicht Berührung

Um das Mars-Verfahren zu erläutern, vergleicht Aldinger die Giftstoffe im Blut mit "kriminellen Jungs, die in übervollen Gefängnisbussen transportiert werden". Das Blut des Patienten wird aus dem Körper heraus- und an einer Membran vorbeigeleitet. Auf deren anderen Seite warten in einer Reinigungsflüssigkeit aufnahmebereite Eiweissmoleküle, "leere Busse, in die die Gefangenen umgeladen werden". Das Blut kommt mit der Reinigungsflüssigkeit nicht in Berührung und wird sauber in den Körper zurückgeleitet.

Die Idee entstand schon 1990: Kurz nach dem Fall der Mauer fuhren Aldingers Kollegen, die Mediziner Jan Stange und Steffen Mitzner, zum ersten Mal in den Westen, auf eine Lebertagung. Auf dem Rückweg hatten sie "die Idee schon im Koffer". Zur Entwicklung des Gerätes taten sich Mediziner, Physiker, Chemiker und Ingenieure der Uni Rostock zusammen, 1998 gründeten sie die Teraklin AG. Seit zwei Jahren ist "Mars" (Molecular Adsorbents Recirculating System) europaweit zugelassen, weltweit wurden "mehr als 1 000 Patienten behandelt".

Das Potenzial sei "gewaltig", gibt sich der Chemiker optimistisch, denn weltweit gebe es mehr Leber- als Nierenkranke. In Deutschland müssen jährlich 70 000 Patienten wegen Leberversagen ins Krankenhaus, Ursache sind Alkoholmissbrauch oder Virus-Hepatitis. Bislang habe das junge Unternehmen rund 200 Geräte für je rund 45 000 DM in Kliniken Dazu kommt das Behandlungsset, das pro Stück 3 300 DM kostet. In der Regel benötige man fünf Sets pro Therapie, deren Kosten sich insgesamt auf rund 20 000 bis 25 000 belaufen. Das Marktvolumen im kommenden Jahrzehnt liege bei rund 5 Mrd. DM, hat Teraklin mit Hilfe von Marktforscher McKinsey ausgerechnet. Diesen Markt "haben wir noch mindestens drei bis fünf Jahre für uns alleine", ist Aldinger überzeugt. Denn der bisher einzige Konkurrent, Hemotherapies, San Diego, habe wegen mangelnder Erfolge "aufgehört, aggressiv zu vermarkten". Allen anderen Wettbewerber fehlten noch klinische Studien, die mindestens zwei Jahre dauerten.

Börsengang geplant

2001 liegt der Umsatz des Startups bei rund 9 Mill. DM. Schwarze Zahlen erwarten die Forscher, die bislang rund 30 Mill. DM investiert haben, für 2003. Der Börsengang "steht auf dem Plan", so Aldinger. Noch sei er nicht nötig, außerdem fehle derzeit "die Substanz auf dem Kapitalmarkt". In 25 Ländern ist Teraklin mittlerweile tätig und hat Tochtergesellschaften oder Repräsentanzen in Frankreich, Spanien, England, Polen, China und den USA. Das Unternehmen beschäftigt 67 Mitarbeiter, davon 57 in Deutschland. Auch ein Folgeprojekt haben die Rostocker schon in Arbeit: Nach dem Mars-Prinzip wollen sie nun auch das Blut von Sepsis-Patienten (Blutvergiftung) säubern. Auch hier sieht Aldinger einen großen Markt, denn "Sepsis verursacht die Hälfte der gesamten Intensiv-Pflegekosten".

Den mit 500 000 DM dotierten Deutschen Zukunftspreis vergibt der Bundespräsident morgen bereits zum fünften Mal. Er zeichnet Einzelne oder Teams für hervorragende technische, ingenieur- oder naturwissenschaftliche Innovationen aus. Bedingung sind uneingeschränkte Marktfähigkeit, die gesicherte Anwendungsmöglichkeit und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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