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Roter Rock'n Roll

Zwölf Jahre sind eine kleine Ewigkeit. Vor allem, wenn es einem in den Fingern juckt. So wie dem chinesischen Rockmusiker Cui Jian. Und zwölf Jahre lang musste Chinas bekanntester Rockstar warten, bis er jetzt wieder eine Solo-Show in Peking abziehen konnte.

Zwölf Jahre sind eine kleine Ewigkeit. Vor allem, wenn es einem in den Fingern juckt. So wie dem chinesischen Rockmusiker Cui Jian. Und zwölf Jahre lang musste Chinas bekanntester Rockstar warten, bis er jetzt wieder eine Solo-Show in Peking abziehen konnte. 16 Jahre Rock'n-Roll-Verbot in Radio und Fernsehen und zwölf Jahre Hauptstadt-Bann - Wer erinnert sich da schon an den Sänger, der zur musikalischen Symbolfigur der 89er Revolte auf dem Tiananmen-Platz wurde?

Viele. Der staatlich verordnete Fluch hat seiner Popularität nicht geschadet. Tausende von Fans pilgerten jüngst zu der Veranstaltungshalle in Peking, um ihr Idol ganz allein zu erleben. Dabei war der Eintrittspreis hoch, zwischen 40 und 120 Euro. Doch der Rundbau, wo heute vor allem Eishockey gespielt wird, füllte sich gut. Die Wilden von damals sind heute eben gut verdienende Manager und Ladenbesitzer.

Sie alle vereint der harte und schnörkellose Rock von Cui Jian. Der steht plötzlich mit seiner Gitarre auf der Bühne im weißen Licht. Ganz undramatisch, ohne Effekte und Firlefanz. Stecker rein und los. Und wie immer trägt Cui Jian auch an diesem Abend sein Markenzeichen - die weiße Basketball-Kappe mit rotem Stern.

Schon beim ersten Titel legt er mit voller Wucht los. So als müsse er sich die staatlichen Fesseln regelrecht vom Leib sprengen. Cui Jian lässt drei volle Stunden die Ohren klingeln. Da haben die Sicherheitskräfte keine Chance, die im Parkett jede Tanzbewegung unterbinden sollen. Aus der Reihe tanzen ist in China noch immer verboten. Doch an diesem Abend gewinnt der Rock'n Roll.

So wie damals, auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Da sang Cui Jian vor den Studenten mit einer roten Binde um den Kopf das Lied "Nothing to my name". Der Song wurde so etwas wie die Hymne der friedlichen Demonstranten - doch kurz darauf rollten die Panzer. Die Hoffnung einer ganzen Generation versank in Blut und Tränen. Wird Cui Jian den Titel wieder spielen?

Als das Lied durch die Halle dröhnt, springen alle auf. Jeder kennt den Text und singt mit. Und überall in der Halle werden im Takt rote Binden geschwenkt. Roter Rock'n Roll. Und plötzich, mitten im dröhnenden Rock von Cui Jian, gibt es das andere China: Das laute, freche, widerborstige, unangepasste. Im täglichen straff organisierten Einheitsbrei wirkt das Konzert wie ein Befreiungsschlag und macht vor allem eines - Hoffnung. So brüllen sich drinnen die jungen Chinesen die Seele aus dem Leib, während draußen die gepanzerten Polizeifahrzeuge vergeblich warten.


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